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Aachener Friedenspreisträger, Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), Träger des Preises für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung, Geschäftsfüher des Zentrums für Friedenkultur (ZFK) Siegen

Solidarität mit Stefanie Carp und der Ruhrtriennale 2018

Pressemitteilung

Solidarität mit Stefanie Carp und der Ruhrtriennale 2018

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) sowie die verschwisterten Organisationen Zentrum für Friedenskultur (ZFK) Siegen und Dunkelcafé Siegen weisen entschieden die gegen die Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp erhobenen Vorwürfe des Antisemitismus zurück.

In Solidarität mit Frau Carp erheben wir unsere Stimme für die Befreiung des palästinensischen Volkes, solange das israelische Besatzungsregime in Palästina besteht und die israelischen Kriegsverbrechen fortgesetzt werden.

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) unterstützen die „Zwischenzeit?“ genannte Programmatik der Ruhrtriennale 2018. Seit 30 Jahren kämpfen wir mit friedlichen Mitteln um genau das, was die Ruhrtriennale folgender Maßen beschrieben hat: „Spätestens jetzt hat jede*r begriffen, dass die Forderungen nach Beteiligung, Gleichheit und Freiheit keine Frage eines politischen Geschmacks sind, sondern eine Frage des zivilisierten Überlebens.“

Wie wir der Presse entnehmen konnten, wurden die Eröffnungsrede von Nikita Dhawan und die Performance von William Kentridge „The Head and the Load” begeistert aufgenommen und es wurden eindrückliche Zeichen für Frieden und Gerechtigkeit gesetzt. Die nationale und internationale Anerkennung ist schon jetzt der Ruhrtriennale 2018 gewiss.

Nach seiner Besuchsverweigerung hat es NRW-Ministerpräsident Armin Laschet umso schwerer, den Grundsatz der kulturellen Vielfalt, die die Kulturpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen Jahrzehnte lang geprägt hat, glaubwürdig bei seinem Besuch im Apartheid-Staat Israel vertreten zu können und sich für ein Ende der kulturellen und politischen Unterdrückung der Palästinenser*innen einzusetzen.

Bernhard Nolz

Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF)

nolzpopp@web.de www.friedenspaedagogen.de

0271-23568535 / 0171-8993637

Unglaublich aber wahr. 70 Jahre Nakba – 70 Jahre Israel von Bernhard Nolz

Unglaublich aber wahr
70 Jahre Nakba – 70 Jahre Israel
von Bernhard Nolz

Machen wir uns nichts vor
Nur das Undenkbare
Aus israelischer Sicht undenkbar
Hätte alle versöhnen können
Das Undenkbare getan zu haben
Hätte Israel am 14. Mai 2018
Mit Glückwünschen und Lob überhäuft
Das Undenkbare
Ein Friedensvertrag mit Palästina
Der Gründungsakt
Des Palästinensischen Staates
Am 15. Mai 2018
Ein Geschenk
An die ganze Welt

Schaut auf dieses Land
Zerstückelte Menschen und Landschaften
Der Albtraum der Nakba
Der Tod überall
70 erschossen an einem Tag
Menschen in Gaza
7000 Verletzte in einem Monat
Menschen in Gaza
Die Kugeln des Hasses aus Israel
Ein Feuerwerk des Todes
Für die Menschen in Gaza
Die Wolken der brennenden Reifen
Die schutzlosen Zeichen des Friedens
Verdecken die Täter und Opfer
Ein Fanal des Aufbruchs zum Leben

Noch huldigen scheinheilig Dreikönige
Den Inhabern jüdischer Macht
Sie bringen Geschenke
Oder lassen sie bringen
Für immer währende Existenz

Trump schickt Beton
Ein Klotz aus Stahl und Beton
In Jerusalem verankert
Der Einheit zum Trotz
Eine Botschaft und das Herz
Auf dem rechten Fleck
Macron das neue Europa
Den Karlspreis geschultert
Große Geschichte am Schreiben
Einladung zu Pesco verschenkt
Ein Traum von Sicherheit
Umwebt seine Häupter
Merkel präsentiert dem Jubilar
Auf silbernem Teller
Artig ein einzig Geschenk
Den deutschen Antisemitismuskrieg
Rassismus amtlich verordnet beauftragt
Im Saal ein Hauch von Niewieder

Damit Frieden gemacht wird
Werden Songs gesungen
Karikaturen gezeichnet
Gedichte geschrieben

Tag der Arbeit – Wider die Kriege von Politik und Kapital von Bernhard Nolz

 

Bernhard Nolz

Tag der Arbeit – Wider die Kriege von Politik und Kapital

Die Völkerrechts-widrigen Kriegseinsätze der Armeen der USA, Frankreichs und Großbritanniens gegen Syrien haben den Arbeitnehmer*innen drastisch vor Augen geführt, wie notwendig es ist, am 1. Mai, dem Tag der Arbeiterbewegung, erneut die Forderung nach Frieden und Gerechtigkeit zu erheben. Diese Forderung richtet sich auch an die Bundesregierung (CDU/CSU/SPD), die die Militärangriffe nicht nur begrüßt, sondern auch tatkräftig unterstützt hat. Am 1. Mai kann Kanzlerin Merkel erklären, dass sie zu einer Völkerrechts-konformen Politik zurückkehren wird.

Die internationale Arbeiterbewegung ist seit ihrer Gründung vom Kampf für soziale Gerechtigkeit und Frieden geprägt. Frieden und Gerechtigkeit können sich nur ausbreiten, wenn die Solidarität der Völker die Staaten veranlassen kann, kooperativ zusammen zu arbeiten. Die Missachtung des internationalen Völkerrechts durch die Bundesregierung und andere Regierungen ist zugleich eine Missachtung des Verlangens der Arbeitnehmer*innen nach einem friedlichen Zusammenleben, ohne Krieg, ohne Ausbeutung und Unterdrückung und ohne die zerstörerische Gewalt der Konkurrenz des Marktes, die auch Globalisierung genannt wird.

Der Tag der Arbeit 2018 ist Anlass für mich, mich an meine erste 1. Mai-Demo vor 44 Jahren zu erinnern. Als junger Lehrer hatte ich 5 Jahre zuvor meine erste Stelle in einer schleswig-holsteinischen Kleinstadt zwischen Bad Segeberg und Neumünster, das aktuell wegen der Inhaftierung von Carles Puigdemont eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, angetreten.

Ich war stark von Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ geprägt und deshalb war es für mich selbstverständlich, in die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) einzutreten. Den letzten Anstoß dazu erhielt ich von meinem Schulleiter, einem aufrechten CDU-Mann, dem als 18-Jähriger im letzten Kriegsjahr ein Bein weg geschossen worden war. „Lassen Sie uns gemeinsam [ich war der SPD beigetreten] in der GEW für die Zukunft unserer Kinder und für den Frieden kämpfen“, hatte er zu mir gesagt. Und so kam es, dass ich zum ersten Mal an einer Demonstration zum 1. Mai teilnahm, die für unseren Bezirk in Neumünster stattfand. An das erste Mal erinnere ich mich deshalb so gut, weil mir beim Tragen eines Spruchbandes fast die Finger abgefroren wären, denn es gab heftige Regen- und Graupelschauer. Seitdem war der norddeutsche Winter für mich immer erst am 2. Mai zu Ende.

Natürlich war der 1. Mai auch Unterrichtsthema. Die Schüler*innen lernten das Mysterium des „arbeitsfreien Tages der Arbeit“ dialektisch zu durchschauen, indem ich sie mit der Geschichte der Arbeiterbewegung vertraut machte. Dann verstanden sie auch, warum in Teilen der deutschen Öffentlichkeit gerne verschwiegen wurde, dass der arbeitsfreie 1. Mai in Deutschland vom Führer 1933 eingeführt worden war, um die Arbeiter auf die Seite des Nazi-Regimes zu ziehen und den Widerstand gegen die Zerschlagung der Gewerkschaften zu brechen.

Auch über die andere „gute Tat“ des Führers, den Bau der Autobahnen, wurde zum 1. Mai in der Schule gesprochen. Über das faschistische Erbe der deutschen Autobahnen ist es lange Zeit ruhig geblieben. Doch in diesem Jahr hat Kriegsministerin von der Leyen die Nazi-Kriegspläne wieder hervor geholt und allen NATO-Panzern auf den Autobahnen eine baldige freie Fahrt nach Russland versprochen.

Die Arbeitnehmer*innen werden am 1. Mai ihre Kritik daran vorbringen. Zum Einen wehren sie sich gegen die Autobahn-Maut, mit der sie die aus ihren Steuergeldern gebauten Autobahnen nun ein zweites Mal bezahlen sollen. Zudem soll aus Steuern und Maut auch der Ausbau zu Panzer-Bahnen finanziert werden, obwohl die Arbeitnehmer*innen einen Krieg gegen Russland ablehnen. Außerdem wollen die Arbeitnehmer*innen nicht, dass das von ihnen erwirtschaftete Volksvermögen, in diesem Fall das deutsche Autobahnnetz, an räuberische Privatfirmen verscherbelt wird. Genauso wie sie es leid sind, auf deutschen Autobahn-Raststätten und Tankstellen für ihre Notdurft auch noch bezahlen zu müssen.

So ist der Tag der Arbeiterbewegung 2018 ein geeigneter Anlass, sich in den Schulen und in den Familien mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen auseinander zu setzen und nicht nur fröhlich in den Mai zu tanzen oder zu rappen.

Der Text erschien zuerst bei labournet.de.

http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2018/04/nolz010518.pdf

Bernhard Nolz ist Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), Aachener Friedenspreisträger, Zivilcourage-Preisträger, ehrenamtlicher Geschäftsführer des Siegener Zentrums für Friedenskultur (ZFK).

 

Bernhard Nolz – Bildung holterdiepolter

 

Bernhard Nolz Bildung holterdiepolter

Mecklenburg-Vorpommern ist für seinen norddeutschen Weitblick und – trotz einer gewissen geografischen Nähe zu Berlin – für seine bundespolitische Bedeutungslosigkeit bekannt. Den neuen Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK), Helmut Holter, seit Jahren (oder sind es schon Jahrzehnte) erfahren in Schweriner Küchen- und Real-Kabinetts-Politik, hielt es nun nicht länger im windigen deutschen Nordosten. Halb wurde er gezogen, halb zog es ihn. Wohin? Ins Herzen von Deutschland, nach Thüringen. Ein Versorgungsfall? Wohl eher politische Seelenverwandtschaft, wie wir noch sehen werden.

Und dort in Thüringen nun hat er endlich sein eigenes Herz entdeckt. Es schlägt für die Bildungspolitik. „Es kommt, wie es kommt“, sagt er. „Da schwimme ich mich frei“, sagt er. „Da kommt meine berufliche Herkunft mir zugute“, meint er, der Betontechnologe und – fast hätte ich es unterschlagen – der Gesellschaftswissenschaftler mit Abschluss in Moskau.

Das erinnert mich an ein Gespräch vor 18 Jahren mit dem Bürgermeister unserer Stadt, in dem wir ihm im UN-Jahr für eine Kultur des Friedens unser neu gegründetes Zentrum für Friedenskultur vorstellen wollten. Mit der „Wiedervereinigung“ hatte unsere Stadt ihr Motto „Im Herzen Deutschlands“ verloren. Jetzt trägt sie den Namen „Universitätsstadt“ und muss sich dessen nun doch nicht schämen, weil die CDU/FDP-Landesregierung ihren Plan, von ausländischen Studierenden Gebühren zu erheben, fallen gelassen hat.

In besagtem Gespräch erläuterte uns der Bürgermeister, ein gelernter Betonbau-Ingenieur, dass bei uns schon alles gut geregelt sei. Die Vorschriften, z.B. für die Verlegung von Kabeln, würden hier im Rathaus, in der ganzen Stadt und im ganzen Land gelten. Da brauche man nichts Neues, auch nicht für den Frieden oder für sonstigen Luxus. „Ach so“, verabschiedeten wir uns vorzeitig und wünschten „Glück auf“.

Ganz so Beton-mäßig ist der neue Kultusministerkonferenzpräsident erklärtermaßen nicht drauf. „Ich bin der Überzeugung“, sprach er, „dass Ost und West viel zu wenig miteinander reden. Schüler und Schülerinnen aus beiden Teilen Deutschlands müssen in einen tieferen innerdeutschen Gedankenaustausch und Dialog treten.“

Geprägt werden solle dieser Austausch, so der KMK-Präsident, ehemaliges SED-Parteimitglied, wie er selbst bekennt, durch eine stärkere Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur in der DDR. Die komme in den Schulen noch zu kurz, genauso wie die Demokratiebildung, sagt der KMK-Präsident, der so tut, als wüsste er nichts davon, dass im Bund und in den Ländern der Abbau sozialer und demokratischer Rechte auf der Tagesordnung steht und der Weg in die marktkonforme Demokratie, die keine Demokratie mehr ist, systematisch betrieben wird.

Jetzt ahnt man, wohin die Seelen-verwandtschaftliche Arbeitsteilung führen soll. Nachdem der thüringische Ministerpräsident der Autobahn-Privatisierung zugestimmt hat, soll der thüringische KMK-Präsident nun der bevor stehenden Privatisierung der Schulen, getarnt als Privat Public Partnership, den Weg bereiten und durch die Festlegung der Schüleraustausch-Koordinaten auf die Spaltung in Ost/West von der Privatisierungslüge ablenken.

Die von Holter vertretende neoliberale Bildungspolitik der Spaltung der Schüler-, Lehrer-, Elternschaften und der Privatisierung der Bildungschancen steht im krassen Gegensatz zur Inklusion und der UN-Behindertenkonvention, zu dessen Umsetzung Deutschland sich verpflichtet hat.

Wie schafft ihr Inklusion?“ Das allerdings wäre eine anregende Kernfrage für ein Schulaustauschprogramm mit europäischen und demokratischen Dimensionen. Im Moment aber setzen die Bildungspolitiker*innen alles dran, die Inklusion ihren Privatisierungsgelüsten zu opfern. Zu der Ablenkungsstrategie passt, dass holterdiepolter ein Austauschprogramm erfunden wird, das „tatsächliche Diktaturerfahrung und heutige Zeit zueinander kommen lässt“, wie Holter sagt. Erinnerungsarbeit geht anders! Inklusion auch.

Inklusion im Bildungsbereich heißt, dass alle Schüler*innen, mit und ohne Behinderung, in „einer Schule für alle“ gemeinschaftlich beschult und individuell optimal gefördert werden. Inklusion zu verwirklichen bedeutet aber auch, gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, dass alle Gesellschaftsmitglieder gleich behandelt und geachtet werden, niemand ausgegrenzt wird und es jedem Menschen ermöglicht wird, einen Beitrag zum Gelingen des gesellschaftlichen Zusammenlebens leisten zu können.

Die neue NRW-Schulministerin Gebauer will von Inklusion nichts wissen. Eine Sofort-Maßnahme war die Einschränkung des Rechts auf freie Schulwahl für Schüler*innen mit Behinderung, wenn die gewünschte Schule die Voraussetzungen für Inklusion nicht erfüllt (z.B. kein qualifiziertes Personal, nicht barrierefrei!). Verbunden war ihr Erlass mit einem zynischen Hinweis auf den von ihr garantierten Bestandsschutz für Förderschulen. Die Einschränkung der freien Schulwahl soll demnächst nicht nur für behinderte Schüler*innen gelten. Nach dem Motto „Gleichheit in der Ungleichheit“ soll Eltern und Schüler*innen die freie Wahl der weiterführenden Schule nach der gemeinsamen Grundschule verwehrt werden.

Muss man Gebauer, Holter u.a. wirklich noch erklären, dass eine zeitgemäße, leistungsfähige Schule nur eine inklusive Schule von Klasse 1 – 13 sein kann, plus Kita- und Vorschulbereich sowie Übergangsbeihilfen zur beruflichen Bildung?

Für alle Zweifler noch ein Tipp: Mit dem Dunkelcafé Siegen haben wir einen außerschulischen Lernort geschaffen, der Inklusion praktisch erfahrbar macht. Dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung ehrenamtlich zusammen. Die Besucher*innen kommen von nah und fern. Ich gehe davon aus, dass der KMK-Präsident und seine Kolleg*innen sich bald zu einem Besuch anmelden.

(www.dunkelcafe-siegen.de)

Der Beitrag erschien zuerst in „Ossietzky“, Zweiwochenzeitschrift für Politik/Kultur/Wirtschaft, Nr. 8, 21. Jahrgang vom 21.04.2018.

 

 

„Titus und Tollpatsch. Das Antisemismus-Referat“ von Bernhard Nolz

 

Vorwort zur Kurzgeschichte

Titus und Tollpatsch. Das Antisemismus-Referat“

von Bernhard Nolz

Angesichts der destruktiven Kriegspolitik der Bundesregierung nach außen und der Kriegspropaganda, vor allem gegenüber Russland, und in Anbetracht steigender Repressionen im Innern und einem fortwährenden Rassismus von Mitgliedern der Bundesregierung sollten wir nicht nachlassen mit unserer Kritik an den Gewaltpraktiken und der Gewalt-Verherrlichung durch die Politik-, Wirtschafts- und Medieneliten in Deutschland.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die internationale Friedensbewegung mit ihrer Forderung nach Frieden und Gerechtigkeit durchsetzen wird. Die Millionen getöteter und vertriebener Menschen im letzten Jahrzehnt lassen uns nicht ruhen, das Ende von Kriegen, Rüstungsexporten, Wirtschaftssanktionen und Geheimdienstattacken gegenüber anderen Völkern und Staaten zu fordern.

Mit meiner Kurzgeschichte „Titus und Tollpatsch. Das Antisemismus-Referat“ reihe ich mich ein in die Liste der Autorinnen und Autoren, die sich für ein friedliches Miteinander von Menschen und Völkern und ihren Kulturen einsetzen.

Über Rückmeldungen freut sich Bernhard Nolz.

nolzpopp@web.de

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Bernhard Nolz

Titus und Tollpatsch

Das Antisemismus-Referat

Ägypten ist überall auf der Welt. – und der Antisemismus. Er hat das Gymnasium unserer Stadt erreicht.

I.

Titus und Mary treffen sich Freitag Mittag nach der Schule in ihrer Stammkneipe.

Na, wie war’s?“, fragte Titus.

Dumme Frage“, sagte Mary, „Tollpatsch hielt wie immer seine Monologe.“

Klar, meinte ja nur die Themenaufgabe fürs nächste Mal.“

Wir sollen ein Impulsreferat über das Thema „Antisemismus in Theorie und Praxis“ vorbereiten.

Ich befürchte, ich bin nächste Woche dran.“

Tollpatsch macht das gerne, damit keiner auf die Idee kommt, sich raus reden zu wollen.“

Weiß ich, warst du schon Internet?“

Ja, gibt nichts zu Antisemismus. Können wir sowieso nicht benutzen, lässt Tollpatsch nicht gelten, weißt du doch. Kommt mir nicht mit der Internet-Scheiße, sagt er immer.“

Sag mal, was ist denn nun los? Hat der Treide uns diesmal gänzlich ausgetrickst, dass zu dem Begriff nichts im Internet steht.“

Hatte ganz vergessen, dass Tollpatsch Herr Treide heißt.“

Torsten Treide ohne „h“ hat er sich ganz am Anfang vorgestellt.“

Wie kam es dann zu seinem Namen Tollpatsch?“

Lukas veranstaltete gerade mal wieder seine wunderbare „Zarah Leander Show“, als Treide in die Klasse kam. „Setz dich hin, Lukas“, sagte Treide. Lukas tänzelte zu seinem Platz und wollte sich setzen. Einer zog rechtzeitig den Stuhl weg und Lukas landete auf seinem Arsch. „Einige finden dich toll“, sagte Treide, „aber du bist nur ein lächerlicher Tollpatsch.“ Da hatte Treide seinen Namen weg: Tollpatsch.“

Der will uns in die Bibliothek treiben“, sagte Titus.

Wir treffen uns mit den Anderen am Dienstag in der Mensa“, sagte Mary. „Vielleicht hat bis dahin schon einer was raus gefunden.“

Ich bestimmt nicht“, sagte Titus, „ich will zum Musik-Festival nach Holland, da hab ich für Antisemismus keine Zeit.“

Wie heißt das Festival und wo ist das?“

Geheimtipp, liebe Mary. Für ’ne Kippe sag ich’s dir.“

Bin immer noch Nichtraucherin. Weißt du doch.“

II.

Am Dienstag sitzen Cilly und Mary, Titus, Lukas und Moritz in der Mensa zusammen.

Scheiß Mensafraß.“

Du solltest auf veganes oder vegetarisches Essen umsteigen, Titus“, sagte Mary.

Schon die alten Ägypter“, sagte Lukas, „wussten frische Früchte und Gemüse zu schätzen.“

Sonst wären sie auch nicht so alt geworden“, ergänzte Moritz lachend.

Was soll der Scheiß?“

Ach Titus“, sagte Cilly, „man merkt, dass du das ganze Wochenende nur gesoffen und gekifft hast, während wir nach dem Antisemismus gesucht haben.“

Und wir sind fündig geworden.“

Antisemismus leitet sich her von Sem.“

Sem ist die Bezeichnung für eine altägyptische Gottheit.“

Im Laufe der Zeit gibt es unterschiedliche Zeichen …“

Du meinst Hieroglyphen“, warf Titus ein.

Genau, unterschiedliche Schreibweisen für die Gottheit Sem, die auch Dem genannt wird, was auf eine schwarzafrikanische Herkunft hinweist.“

Auf Grabbeigaben findet sich häufig beim Namen Sem der Zusatz: Der seine Feinde zu Fall bringt.“

Woher habt ihr das alles?“

Ich doch noch Internet“, sagte Mary, „aber Moritz‘ Eltern haben einen 24-bändigen Brockhaus und Lukas konnte bei seinen Großeltern Meyers Konversations-Lexikon in 19 Bänden aufstöbern.“

Hauptsache das Bertelsmann Lexikon ist nicht dabei. Sonst zerreißt uns Tollpatsch in der Luft. Jeder Kleinbürger, sagt Tollpatsch, hat das Bertelsmann Lexikon in seinem Bücherregal. Spießiger geht’s nicht, sagt Tollpatsch, zu glauben, man könne die ganze Welt in ein 8 cm breites Buch pressen.“

Cillys Tante Else heißt Trautmann und entpuppte sich bei einem Besuch von Cilly als Hobby-Ägyptologin.“

Von der habe ich auch etliche Bildbände erhalten und persönliche Aufzeichnungen aus ihrem Studium, das sie aus familiären Gründen abbrechen musste.“

Tante Elses Aufzeichnungen sind bestimmt in Hieroglyphen-Schrift“, witzelte Moritz.

Deine Tante tut mir leid“, sagte Mary, „sie hat ein typisches Frauenschicksal erlitten, wie es auch schon im alten Ägypten Gang und Gäbe war.“

Tante Else sagt, dass die Gottheit Sem Männer und Frauen gleichermaßen geliebt habe“, sagte Cilly.

Dann ist Sem bestimmt bi?“, warf Mary ein.

Das ist Gotteslästerung!“, schrie Lukas und sprang auf seinen Stuhl. Er imitierte Justin Bieber und tat wie der, als würde er was rausholen.

Leute, ich hab’s“, sagte Titus nach einer Weile, „Antisemismus ist Gotteslästerung. Wer Sem und die alten Ägypter, die an Sem glaubten, beleidigte, war ein Antisemist. Ihm drohte die Todesstrafe, die es damals noch gab.“

Was haltet ihr davon, wenn wir unsere Arbeit im „Thoreau“ fortsetzen“, fragte Lukas, der seinen Stuhl als Sitzmöbel wieder entdeckt hatte.

Ich muss zur Musikschule“, sagte Cilly.

Und ich“, sagte Moritz, „muss zum Training.“

Kann man glauben“, sagte Titus. „Klaviere und Fußbälle passen schlecht zusammen. Aber wie geht’s dann weiter?“

Jeder versucht jetzt auf seine Weise Klarheit in das Thema Antisemismus zu bringen. In das, was wir zusammen gekriegt haben“, sagte Lukas, „bringen wir dann eine gemeinsame Linie rein. Bis Donnerstag zum Arbeitstreffen im „Thoreau“ um 16.00 Uhr.“

III.

Guten Morgen“, sagte Herr Treide. „Wie immer hattet ihr ein Thema für ein Impulsreferat vorzubereiten. Welche Ausrede hast du vorzubringen, Titus, dass du unvorbereitet bist. Etwa weil du die letzte Stunde gefehlt hast?“

Wie meinen Sie das, Herr To, Herr Treide?“

So oft, wie du einen auf krank machst, kann es sich doch nur um Gefälligkeitsatteste handeln.“

Wenn Sie das meinen, Herr Treide, „mein Arzt ist nicht schwul. Natürlich bin ich vorbereitet. Unter uns Schülern gibt es noch Solidarität, die Sie nur aus dem Geschichtsbuch kennen.“

Ich bin gespannt“, sagte Treide.

IV.

Thema: Antisemismus. Wenn menschliche Äußerungen als antisemistisch bezeichnet werden, bezichtigt man die Personen des Antisemismus und verurteilt sie, weil sie eine altägyptische Gottheit und ihre heutigen Nachfolger herab würdigen.

Das Wort Antisemismus leitet sich her von Sem. Sem ist die Bezeichnung für eine altägyptische Gottheit. Im Laufe der Zeit hat es unterschiedliche Zeichen (Hieroglyphen) für die Gottheit Sem gegeben, die auch Dem genannt wird, was auf eine schwarzafrikanische Herkunft hinweist. Auf Grabbeigaben findet sich häufig beim Namen Sem der Zusatz: Der seine Feinde zu Fall bringt.

Immer wieder sind heutige Sem-Glaubens-Institutionen schnell bei der Hand, Menschen, die die Gewalttaten der altägyptischen Gottheit Sem kritisieren, als Antisemisten abzustempeln und zu beschimpfen. Häufig wird auch behauptet, dass die Sem-Kritiker sehnlichst herbei wünschen würden, dass alle gläubigen Semisten bei der nächsten Überschwemmung des Nils elendiglich ersaufen sollten.

Die Deutsche Semisten-Sektion fordert deshalb seit Langem ein Berufsverbot für deutsche Antisemisten in öffentlichen Verwaltungen und an den deutschen Hochschulen. Dort hätten wissenschaftlich begründete antisemistische Positionen überhand genommen, was mit einer Antisemismus-freien Wissenschaft und Lehre nicht länger vereinbar wäre.

Anlässlich des Besuchs des derzeitigen ägyptischen Staatspräsidenten al Darth Vad pik Assi in Berlin …“

Der heißt anders“, unterbrach Herr Treide Titus‘ Vortrag.

Wie denn?“, fragte Titus verwirrt.

Das tut hier nichts zur Sache“, antwortete Treide.

Anlässlich des Besuchs des derzeitigen ägyptischen Staatspräsidenten“, fuhr Titus fort, „der genaue Name tut hier nichts zur Sache, erklärte die Kanzlerin im Winter 2017, dass sie …“

Moment mal!“ Mary tritt nach vorn, in ungewöhnlicher Weise, nämlich mit einem dunkelblauen Kostüm bekleidet, und stellt sich neben den Redner, ihre beiden Hände zum typischen Sem-Zeichen, dem „Haus der Liebe Zeichen“, zusammengefügt, acht ineinander verschränkte Finger und die beiden Daumen, die ein Dach bilden.

Zeigt das „Haus der Liebe Zeichen“, zeigt, dass Sem euer Liebster ist“, schreit sie in die Menge. „Sem – Sem – Sem“, schallt es durch den Raum und fliegen die verschränkten Hände rauf und runter.

Ein paar Semmeln wär’n mir lieber“, flüstert einer.

Mary schaut streng in seine Richtung, das Sem-Zeichen demonstrativ vor sich her zeigend: „Meine Damen und Herren, die Lage ist gut und alternativlos. Ich verweise, meine Damen und Herren, mit Nachdruck auf die langjährige deutsch-ägyptische Freundschaft, die – wenn man so will – gewissermaßen einige Tausendjährige Reiche überstanden hat und zu der es keine Alternative gibt.“

Ha, ha“, ruft Moritz von hinten und hält ein Pappschild hoch, auf dem die beiden Großbuchstaben H.H. stehen, und darunter ebenso groß: 88.

Moritz skandiert: „H., H., Hieroglyphen“, „88, Tausend Jahr! H., H., Hieroglyphen, 88, Tausend Jahr!“

Lass diese unqualifizierten Zwischenrufe“, sagt Treide.

Moritz hält ihm still das Schild entgegen. Dann lässt er es fallen, fügt seine Hände zum Sem-Zeichen und hält es Mary K. wie ein Kreuz entgegen.

Halte ein“, spricht er.

Aber da hatte Mary Kanzler sich schon wieder gefangen und ließ es an Ernst nicht mangeln.

Es gehört zur natürlichen deutschen Staatsräson“, sagte sie, „den ägyptischen Staat und seine Repräsentanten vor ungerechtfertigten Antisemismus-Angriffen in Schutz zu nehmen.“

Genau das wollte ich auch sagen“, sagte Titus, der blitzschnell in seine neue Rolle geschlüpft war und jetzt wie ein typischer Sandsteinmeier daher kam. Statt eines Brettes hatte er einen Mauerstein vor der Stirn und trug nichts auf dem Kopf.

Darf ich vorstellen“, sagte Mary Kanzler, die von ihrem Sem-Zeichen nicht lassen konnte. „Kollege Bundesaußenministergeheimdienstpräsident. Wegen der Schuldenbremse übernimmt er nun auch noch den Vorsitz der Semistischen Partei Deutschlands.“

Ich bin einer von euch“, sagte Sandsteinmeier, „wenn ihr stramm semistisch-deutsch bleibt. Anders geht es nicht. Das heutige Deutschland muss sich seiner historischen und aktuellen Verantwortung bewusst sein. Es hat zusammen mit den britischen Sem-Imperialisten in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts die ägyptischen Kunstschätze vor den Zugriffen von Kunsträubern gerettet und in die sichere deutsche bzw. britische Heimat überführt, wo sie der europäischen Verantwortung entsprechend der Weltöffentlichkeit präsentiert werden. Deshalb müssen wir alle Forderungen nach Rückgabe der altägyptischen Kunstschätze an Ägypten als antisemistisch zurückweisen.

Genau das wollte ich auch sagen!“ Mary Kanzler unterbrach den Kollegen Ämterhäufung.

Das ägyptische Weltkulturerbe ist es wert“, sagte sie, „überall dort präsent zu sein, wo es vor antisemistischen Angriffen geschützt ist. Ohne Wenn und Aber verteidigt Deutschland überall auf der Welt das Weltkulturerbe. Wir haben da unsere militärischen Spezialkräfte, die auch vor Drohneneinsätzen zur Rettung bedrohter Sem-Gottheiten nicht verzagen. In erster Linie aber gilt es, der marktwirtschaftlich-demokratischen Verwertung der altägyptischen Kunst- und Kulturschätze den Weg zu bereiten. Allen antisemistischen Verleumdungen zum Trotz wissen wir die semistischen Kunstschätze Ägyptens bei deutschen Sponsoren in guten Händen, wenn wir sie zeitweise zur Dekoration der Konzernzentralen zur Verfügung stellen. Mit den Leihgebühren finanzieren die deutsche und die ägyptische Regierung die gemeinsamen anti-antisemistischen Polizeireserven, die die Spreu vom Weizen trennen – ob am Nil oder am Rhein, Sauberkeit muss sein.“

Mary Kanzler setzte sich neben Titus ans Pult.

Es herrscht eine angespannte Ruhe. Aber da wird die Tür aufgerissen. Eine arabisch gekleidete Putzfrau betritt den Raum und knallt die Tür hinter sich zu. Sie beginnt mit einem Strohbesen die Klasse zu fegen.

Von wegen Sauberkeit“, sagt sie.

Die Putzfrau hat über ihren Kopf eine Nofretete-Maske gestülpt.

Das ist Cilly“, sagt eine Schülerin.

Wenn du alles verrätst, hätte ich die Maske auch gleich weglassen können“, sagt Cilly, „dann hätte mich vielleicht keiner erkannt. Aber du bist nicht die Erste, die eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Nofretete und mir festgestellt hat. Ich muss irgendwie irgendwas vom ägyptischen Semismus ausstrahlen. Ein Freund meiner Familie war Ägypter. Wenn er uns besuchen kam, brachte er mir fast immer ägyptische Bauklötze mit, von der Marke Semo-Play. Das werde ich nie vergessen. Ich liebte sie über alles. Es waren schwarze Pyramiden verschiedenster Größe aus Papyrus, die, einem geheimnisvollen Mechanismus folgend, wenn man mit ihnen rum hantierte, plötzlich aneinander hängen blieben, so dass bizarre Gebilde entstanden, die aber auch wieder aufgelöst und neu zusammen gesetzt werden konnten. Meine Tante hat mich gelehrt, dass man nicht hinter jedes Geheimnis kommen müsse, schon gar nicht, wenn es mit der ägyptischen Gottheit Sem zusammen hängt. Das meint Christo, der Verpackungskünstler, übrigens auch, was man demnächst im Londoner Hyde Park sehen kann.

Aber nun zu meinem Besen, mit dem ich hierher gekommen bin? Der Besen hat die symbolische Bedeutung des Kehraus der verkehrten Phrasen. Dass Politik und Gesellschaft jetzt endlich Respekt gegenüber anderen Kulturen und Meinungen haben und unterscheiden können zwischen einer unbequemen Ansicht Anderer, die man aushalten können muss, und dem gewalttätigen Handeln von Regierenden und Gruppen, die ihre Interessen rücksichtslos und mit kriegerischer Gewalt durchsetzen.“

Mary Kanzler erhob sich.

Hier muss ich aber mal ganz energisch einschreiten. Wenn von Gewalt die Rede sein soll, dann ist ja wohl die ehemalige ägyptische und weltweit verbreitete Muslim-Bruderschaft an hervorragender Stelle zu nennen. Dass ihr antisemistischer Aufstand und die damit verbundene so genannte arabische Revolution des Jahres 2011 niedergeschlagen werden konnten, haben wir ausdrücklich begrüßt. Ich kann nur alle links-rechts Sympathisanten des Antisemismus und eines arabischen Frühlings in Deutschland davor warnen, ihren antisemistischen Träumen freien Lauf zu lassen. Die können nur im Gefängnis enden. Es gehört zu Deutschland, das betone ich noch einmal ganz ausdrücklich, dass wir von unseren Bürgerinnen und Bürgern erwarten, dass sie uns in der Liebe zum ägyptischen Volk und zu seinen Führern in uneingeschränkter Treue folgen. Deshalb darf es auch kein Zaudern in der Herzlichkeit gegenüber dem ägyptischen Staatspräsidenten geben. Er hat den Respekt verdient, der ihm als 175. direkten Nachfolger des altägyptischen Sem zu kommt, der als König und Gott zugleich die natürliche Einheit von Volk, Herrscher und Gottheit verkörpert.“

Ist die denn noch zu retten“, schrie Lukas von seinem Platz in den hinteren Reihen und stürmte nach vorne zum Lehrertisch, an dem Titus und Mary saßen.

Als Lukas los schrie, sprang Treide erregt von seinem Stuhl auf, den er nach rechts in die Nähe der Fenster gerückt hatte. Aber Lukas‘ Ansturm schien er nicht gewachsen und so setzte er sich wieder hin und war froh, dass Lukas Halt am Kartenständer fand und ihn verschonte. Ein Kartenständer, ein Relikt aus den Zeiten des Kalten Krieges, der fast so alt war wie die Karten im Kartenraum der Schule. Beim Vorbereitungstreffen im „Thoreau“ hatte Cilly erzählt, dass sie in der Schule keine Landkarte gefunden hätte, in die der Suez-Kanal eingezeichnet gewesen wäre.

Das ist purer Antisemismus, was die hier macht, wenn sie diesen Militärdiktator auf eine Stufe mit Sem stellt“, rief Lukas in den Raum. „Dieser Assi aus Ägypten missbraucht den Sem doch brutal für seine Image-Verbesserung und seine Herrschaftssicherung.“

Lukas zog ein Stück Papier aus der Tasche. „Hier! Ich hab die Assi-Rede schwarz auf weiß.“

Aufhören, Lukas, aufhören“, sagte Treide mit ruhiger Stimme, „Mensch Lukas, deine antisemistischen Tiraden kann doch keiner mehr ertragen!“

Lukas gab Moritz, der zwischen den anderen Schülern saß, ein Zeichen und Moritz begann zu skandieren:

Sem, Dem, Dem, Sem, Dem, Dem, wer ist denn hier plemplem? Und alle!“

Sem, Dem, Dem, Sem, Dem, Dem, wer ist denn hier plemplem?“

Sem, Dem, Dem, Sem, Dem, Dem, wer ist denn hier plemplem?“

Sem, Dem, Dem, Sem, Dem, Dem – Sem – wer ist denn hier plemplem?“

Als sich die Tür öffnete, wurde es schlagartig still. Die Schüler*innen nahmen ihre Plätze wieder ein. Der Schulsozialpädagoge schaute herein. „Ah, ein Rollenspiel“, sagte er, als er Nofretete erblickt hatte, „dann ist ja alles in Ordnung“, und verschwand.

Mary Kanzler nutzte die entstandene Ruhe und trat, die Hände zum Sem-Zeichen gefaltet, vor die Gruppe.

Ich glaube, ich kann für alle sprechen, wenn ich sage: Mögen die altägyptischen Gottheiten und Königinnen, die in deutschen Museen Aufnahme gefunden haben, in Gottes Namen nun dort ihre Ruhe finden, auch wenn sie auf ihre vertraute Umgebung, die Pyramiden und den Nil, verzichten müssen. Ich bin überzeugt davon, dass Spree und Havel sowie der Berliner Funkturm für die ägyptischen Kostbarkeiten ein lebenswertes Ensemble bilden. Das müssen die ägyptischen Oppositionsgruppen, die sich auch in Deutschland immer wieder mit ihren antisemistischen Hassparolen melden, endlich einsehen. Mit den Waffenlieferungen werden wir unserer historischen Verantwortung für das Wohlergehen Ägyptens gerecht. Und Schluss endlich sollten wir nicht von Militärdiktatur sprechen. Diese Vorwürfe sind antisemistisch motiviert. Diktatur und Demokratie liegen oftmals ganz eng zusammen und haben doch nichts miteinander zu tun, wie wir in unserem ehemals geteilten Vaterland, äh, Heimatland, 45 Jahre lang schmerzlich erfahren mussten.“

Das Gastrecht gebietet es“, sagte Titus, „dass ich nun dem ägyptischen Staatspräsidenten, der sich mir als „al Darth Vad pik Assi“ vorgestellt hatte, das Wort erteile.“

Neben ihm erhob sich Lukas, wegen einer Tutanchamun-Maske als Staatspräsident leicht zu erkennen, und sprach:

Brüder und Schwestern, heute feiern wir den Geburtstag von Sem, der die Bestrebungen des ägyptischen Volkes nach Unabhängigkeit und Würde verkörpert. Deshalb waren die Ägypter ihm in all den Jahrhunderten völlig treu, eine Art Loyalität, die endlos ist und die sich auch nach seinem Tod fortgesetzt hat. Sein Name ist weiterhin ein Symbol für die Ägypter, die sich darüber freuen – allen antisemistischen Störungen zum Trotz – ihre Zukunft, ihr Schicksal und ihre deutschen Kleinwaffen souverän in den Händen zu halten.

Freundinnen und Freunde, Sem trug Verantwortung in Zeiten von Revolutionen. Er schaffte es, der Hegemonie fremder Mächte ein Ende zu setzen. Sein Charisma wirkte weit und inspirierte Befreiungsrevolutionen auf der ganzen Welt. Damit wurde Sem zu einem Weltsymbol für die Prinzipien der Würde, der Unabhängigkeit und der Blockfreiheit.

Sem, das müsst ihr wissen, glaubt an das Potential und die Fähigkeiten des großen Ägypten, die Kolonialisierung zu bekämpfen und zu unseren Gunsten umzudrehen, nicht nur in unserer Nation, sondern bei allen anderen Völkern auf der Mutter Erde.

Großes Volk von Ägypten, Volk der Deutschen, wir ergreifen diese Gelegenheit, unserem geliebten Sem Tribut zu zollen und alle antisemistischen Angriffe, woher sie auch immer kommen mögen, von ihm und von euch abzuwenden. Wir wollen unser Bestes tun, um die höchsten Interessen Ägyptens und Deutschlands zu verwirklichen. So konnten unsere Rüstungseinfuhren – vor allem mit deutscher Hilfe – in den letzten drei Jahren verfünffacht und Ägyptens Sicherheit und Stabilität hoch gehalten werden.

Möge Sem Ägypten auf dem Weg der Güte und des Fortschritts leiten und bewahren. Möge der Friede, die Barmherzigkeit und der Segen Sems mit euch sein.“

Mary Kanzler erhob sich unter Tränen. Schluchzend sprach sie, die zitternden Hände zum Sem-Zeichen geformt: „Ich ernenne Sie, hoch verehrter Daddel al Assi, zu unserem Großen Antisemismus-Beauftragten, ehrenhalber und mit Großem Verdienstkreuz am Schulterband, mit Adler handgestickt. Treffender als Sie, verehrter Präsident, kann keiner die deutsch-ägyptischen Befindlichkeiten und unsere Liebe zu Sem und zu Ägypten ausdrücken.“

Titus legte Assi-Lukas eine dunkelrote Schärpe um den Hals und alle Anwesenden applaudierten. Tollpatsch hatte sie ihm gereicht. Es war eine Fenstergardine, die kürzlich bei einem Gerangel runter gerissen worden war und auf der Fensterbank gelegen hatte.

V.

Die Schulklingel verkündete das Ende der Unterrichtsstunde. Die Schüler*innen bildeten eine schweigende Gasse, durch die Herr Treide zur Tür schritt und verschwand. Die fünf Akteur*innen packten ihre Requisiten zusammen und trugen sie ins Büro der Schüler*innen-Vertretung. Den Rest der Pause verbrachten sie schweigend. Als es zur nächsten Stunde läutete, standen sie wortlos auf und umarmten sich gegenseitig.

In den folgenden Unterrichtsstunden fiel von den Lehrer*innen nicht ein Wort zum Antisemismus-Referat im Unterricht vom Kollegen Treide. Auch die Schülerinnen und Schüler sagten nichts dazu. Es war, als ob sich alle verschworen hätten, die Sache als großes Geheimnis zu behandeln oder wie ein unerhörtes Ereignis, das Einem die Sprache verschlägt.

Zwei Tage vor der nächsten Stunde mit Treide trafen sich Cilly, Mary, Titus, Lukas und Moritz im „Thoreau“.

Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm“, sagte Cilly.

Wir werden sehen“, sagte Titus.

VI.

Guten Morgen“, sagte Herr Treide. „In der letzten Stunde haben wir einen ungewöhnlichen Vortrag erlebt. Ihr werdet bemerkt haben, dass ich zunächst ziemlich empört war, aber dann konnte ich mich der Spannung nicht entziehen. Meine Vorbehalte wichen einer anerkennenden Faszination. Und als ihr dann noch schweigend ein Spalier bei meinem Abgang zur Tür gebildet habt, da spürte ich, dass wir alle etwas gelernt haben. Meinen Kollegen habe ich nichts erzählt. Aber gestern habe ich mich unter einem Vorwand mit drei Kollegen aus dem Fachbereich getroffen und wir haben uns mit der Antisemismus-Definition der Bundesregierung auseinander gesetzt und eine Stellungnahme erarbeitet. Ach, ehe ich es vergesse, natürlich bekommt ihr, Cilly, Mary, Titus, Lukas und Moritz, ein Sehr gut für eure Präsentation des Themas Antisemismus.“

Die Schüler*innen klatschten Applaus und trommelten auf den Tischen.

Treide fuhr fort: „Unsere Kritik an der Antisemismus-Definition der Bundesregierung fassen wir so zusammen: Als Lehrerinnen und Lehrer, die sich sozialwissenschaftlichen Standards verpflichtet fühlen, weisen wir die Feststellungen in der Antisemismus-Definition der Bundesregierung als unwissenschaftlich zurück und stufen sie als Politpropaganda ein. Antisemismus zeige sich im Hass gegenüber Ägyptern oder Sem-Gläubigen. Mit dem Begriff „Hass“ führt die Bundesregierung aber ein Kriterium ein, dessen emotionale Bandbreite rational nicht erschlossen werden kann, so dass es für Antisemismus-Vorwürfe völlig ungeeignet und ein Missbrauch vorprogrammiert ist.“

Es kommt einem so vor“, sagte Mary, „als ob alle Ägypten-kritischen Stimmen mundtot gemacht werden sollen.“

Für mich praktiziert die Bundesregierung hier eine ganz besondere Form von Rassismus, wenn sie auf der Grundlage willkürlicher Festlegungen die Kritik am ägyptischen Staat als antisemistischen Terror diffamiert“, sagte Moritz.

Und was ist, wenn ich diesen arschgeigigen ägyptischen Staatspräsidenten und Militärdiktator kritisiere?“, regte sich Lukas auf und rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

Bleib sitzen, Lukas“, sagte Treide, „dann ist das in jedem Fall antisemistisch.“

Aber der alte Sem“, sagte Cilly, „ist nach heutigen Begriffen doch auch nichts Anderes als ein autoritärer Gewaltherrscher gewesen und beim Semismus haben wir es mit einer ausgeklügelten Hieroglyphen-Propaganda zu tun, die bis heute Wirkung zeigt.“

Womit wir wieder im Hier und Jetzt angekommen wären, sagte Herr Treide. „Mein Vorschlag ist, wir bauen die Szenen des Vortrags zu einer kleinen Theateraufführung aus und bewerben uns mit unserem „Antisemismus-Theater“ beim internationalen ForumTheater Workshop, den das Friedenszentrum in den Sommerferien veranstaltet. Ich bin mir sicher, dass wir die Zuschauer*innen mit unserem aufklärerischen Theaterstück begeistern werden.“

Sem, Dem, Dem, Sem, Dem, Dem – wer ist denn hier plemplem?“

Sem, Dem, Dem, Sem, Dem, Dem – wer ist denn hier plemplem?“

Sem, Dem, Dem, Sem, Dem, Dem – Sem – wer ist denn hier plemplem?“

(Textfassung vom 10.04.2018)

Bernhard Nolz (*1944) ist Friedenspädagoge, Lehrer i.R., Aachener Friedenspreisträger, Träger des Preises für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung. Er leitet ehrenamtlich das Siegener Zentrum für Friedenskultur (ZFK) und die Initiative Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) und ist Vorsitzender der Gesellschaft für Friedenserziehung e.V.

0271-23568535 / 0171-8993637 / nolzpopp@web.de / www.friedenspaedagogen.de

 

„Als die Atombomben Deutschland veränderten“ – Kommentar zum Film

 

Als die Atombomben Deutschland veränderten“

Kommentar zum Film

Am 19.03.2018 habe ich meinen Fernseher,, der sonst nur ein Mal im Monat für „Die Anstalt“ läuft, außer der Reihe angestellt, weil bei der ARD der Film über die Friedensbewegung „Als die Atombomben Deutschland veränderten“ gezeigt wurde.

Ich fand den Film ganz gut, aber dann doch etwas oberflächlich beim Versuch, die damalige Massenbeteiligung zu erklären, wobei die Bilder von den Menschenansammlungen auch wenig beeindruckend waren.

Das war aber kein Wunder, weil einzelne Friedensbewegte und kleine Friedensgruppen im Mittelpunkt des Films standen. Deren Motive kamen ebenso gut heraus wie die Glaubwürdigkeit ihrer Aktionen und ihre Begeisterung sowie die Erklärung für ihr Jahrzehnte langes Engagement bis heute. Starke Typen, fand ich, vielleicht mit Ausnahme von Roland Jahn.

Und genau auf der Strecke liegen die großen Schwächen des Films, nämlich in der Darstellung der politischen Ost-West-Zusammenhänge. Zur weiteren Begründung dieses Aspekts müsste ich mir den Film noch mal ansehen. Manche Aussage über die DDR und die Sowjetunion war propagandistisch gefärbt und dem „Westblick“ geschuldet.

Außerdem müsste über die Tragfähigkeit des Untertitels „Der verblüffende Erfolg der Friedensbewegung“ diskutiert werden.

Welche Impulse kann der Film unserer heutigen Friedensarbeit geben? Auf Einen will ich eingehen: Die Bewegung kam von unten, von Menschen, die sich betroffen fühlten oder die aufklären und die zerstörerischen Tatsachen benennen wollten, die Widerstand gegen die Aufrüstung leisten wollten, die sich in die Politik der Herrschenden einmischen wollten durch ihre gewaltfreien Aktionen, und die, das erscheint mir besonders wichtig, ihre Forderungen nach Frieden in ihre gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsbereiche hineintrugen und in die Parteien, Gewerkschaften, Kirchen u.a.

Ein allgemeiner gesellschaftlicher Aufbruch, der vor allem auch deshalb fruchtete, weil jede/r Einzelne – zumindest unbewusst – herbei gesehnt hat, dass mit der beiderseitigen Abrüstung eine Chance bestehen könnte, dass Ost und West auch ihre Feindbilder abbauen würden und sie sich gemeinsam auf die Rettung des Planeten und die Sicherung des Weltfriedens konzentrieren könnten.

Da wurden wir – und werden es auch heute wieder – von den Herrschenden eines „Besseren“ belehrt.

Bernhard Nolz

 

Friedenspreis an die Zeitschrift „Wissenschaft und Frieden“

 

Friedenspreis an Friedenszeitschrift

Große Freude bei den Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) in Siegen. Die friedenswissenschaftliche Zeitschrift „Wissenschaft und Frieden“ (W&F), zur deren Herausgebern PPF gehören, wird am 10. März mit dem Göttinger Friedenspreis geehrt. Die bundesweite Friedensorganisation PPF hat ihren Sitz in Siegen. Bernhard Nolz, Aachener Friedenspreisträger, ist Bundessprecher von PPF.

Bernhard Nolz: „Was die ganze Sache noch schöner macht, ist die Tatsache, dass es in diesem Jahr einen zweiten Göttinger Friedenspreisträger gibt. Es ist der Liedermacher Konstantin Wecker. Die Impulse für die praktische Friedensarbeit, die von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen für den Frieden ausgegangen sind, sind enorm. Im Siegener Zentrum für Friedenskultur fließen die drei Bereiche Friedensarbeit, Friedenswissenschaft und Friedenskultur seit 20 Jahren zusammen. Genauso lange habe ich als Vorstandsmitglied die Zeitschrift W&F mitgestaltet.“

Wissenschaft und Frieden (W&F) ist die einzige friedenswissenschaftliche Zeitschrift Europas. Die enge Zusammenarbeit mit der Universität Siegen hatte sich daraus ergeben, dass der 2017 verstorbene Prof. Dr. Wolfgang Popp in den 1980-er Jahren an der Universität Siegen das Forschungs- und Lehrgebiet Friedenserziehung gegründet hatte und zu den Mitbegründern der Pädagog*innen für den Frieden gehörte. Zusammen mit Bernhard Nolz hat er darüber hinaus die friedenspädagogische Zeitschrift „et cetera ppf“ sowie die Buchreihe „Friedenskultur in Europa“ heraus gegeben, wodurch Siegen zu einem Zentrum der deutschen und europäischen Friedensbewegung geworden ist. Die ebenfalls in den 1980-er Jahren von Wolfgang Popp u.a. gegründete Gesellschaft für Friedenserziehung e.V. Siegen ist bis heute auf den Gebieten Inklusion, Jugendarbeit, Behindertenarbeit, Interkulturelle Arbeit, Friedenskultur und Gemeinwesenarbeit aktiv und national und international anerkannt.

Es erscheint nicht übertrieben, wenn man feststellt, dass zu den „Hidden Champions“ aus Südwestfalen, über die die IHK Siegen berichtet hat, auch die o.a. Siegener Friedensorganisationen gerechnet werden können, nicht zuletzt das Dunkelcafé Siegen, das – in der Trägerschaft der Gesellschaft für Friedenserziehung – als außerschulischer Lernort vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe ausgezeichnet worden ist.

Es bleibt zu hoffen, dass sich genügend Unterstützer*innen für die Arbeit für Menschen mit Behinderung, für Frieden und Gerechtigkeit finden (dunkelcafe-siegen.de/unterstuetzung).

 

Ostermärsche – Ruf nach Frieden

 

Ostermärsche – Ruf nach Frieden

Wie in jedem Jahr zu Ostern geht auch dieses Mal ein Ruf nach Frieden vom Siegener Zentrum für Friedenskultur gemeinsam mit den Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden Deutschland aus.

Dazu erklärt Bernhard Nolz, Bundessprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden und Aachener Friedenspreisträger:

In diesem Jahr erschallt unser Ruf nach Frieden noch lauter als sonst. Warum? Noch ist die neue Bundesregierung nicht im Amt. Aber schon verkünden die beiden CDU-Regierungsfrauen Angela Merkel und Ursula von der Leyen ihre uneingeschränkte Kriegsbegeisterung: Mehr Bundeswehr-Soldaten nach Afghanistan! Mehr Kriegsbeteiligung in Syrien! Noch mehr deutsche Waffen in Kriegsgebiete! Und überhaupt: Viele Milliarden Euro mehr für Aufrüstung und Kriegseinsätze! Wir lehnen eine deutsche Kriegsbeteiligung grundsätzlich ab und fordern die neue Bundesregierung auf, die Kriegsmilliarden stattdessen für die Bekämpfung von Armut, für höhere Renten und für den kostenlosen Bahn- und Busverkehr auszugeben.“

Die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden haben einen passenden Flyer von der Siegener Designerin Petra Kölsch entwickeln lassen: „Keinen Euro mehr für die Bundeswehr! Mach, was wirklich zählt: Alles Geld für die Kinder der Welt.“ (s. Anhang)

Noch einmal der Friedenspädagoge Bernhard Nolz:

Die Kriege zerstören weltweit die Lebenschancen und Zukunftshoffnungen vor allem der jungen Menschen. Es muss Schluss sein mit diesem Zerstörungswahn! Nur im Frieden können die Menschenrechte gedeihen und können sich die Menschen als soziale Wesen entwickeln. Deshalb protestieren wir zu Ostern gegen die Kriegspolitik von CDU/CSU/SPD.“

Traditionsgemäß unterstützen die AG Siegerländer Friedensbewegung, das Siegener Zentrum für Friedenskultur und die Pädagog*innen für den Frieden seit Jahrzehnten den Ostermarsch Rhein-Ruhr (www.ostermarsch-ruhr.de). Auch in diesem Jahr wird eine Delegation aus Siegen in Dortmund zur Abschlusskundgebung vertreten sein.

Der Ruf nach Frieden wird immer lauter, auch wenn die alte, die amtierende und die neue Bundesregierung aus CDU/CSU/SPD ihn nicht hören wollen.

Weitere Informationen zur Friedensarbeit im Siegerland unter www.friedenspaedagogen.de

 

Grete Weil: Meine Krankheit heißt Auschwitz

Meine Krankheit heißt Auschwitz
Grete Weil (geb. 18.7.1906 – gest. 14.5.1999)
vorgestellt von Wolfgang Popp
(Aus: Bernhard Nolz/Wolfgang Popp (Hg.): Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung. Jüdische Autorinnen und Autoren in der neueren deutschen Literatur, Münster 2013 (LIT-Verlag)
Meine Krankheit heißt Auschwitz, und die ist unheilbar. Ich habe Auschwitz, wie andere Tb
oder Krebs haben. Bin genauso schwer zu ertragen wie alle Bresthaften. Die Krankheit verläuft
in Schüben, die Schübe werden häufiger, nehmen an Schwere zu. Alkohol und Schlafmittel
könnten lindern, ich mag beides nicht, will meinen klaren Kopf behalten, möglich, daß ich mir
Linderung nicht wünsche. Ich kann vor meiner Krankheit nicht davonlaufen, nur daran sterben.
Diese Sätze aus dem Beginn des Romans Generationen charakterisieren die Grundhaltung Grete
Weils. Der Roman erschien 1983, da war sie schon eine alte Frau von nahe 80. Schon 1963 hatte sie
zwar ihren Roman Tramhalte Beethofenstraat veröffentlicht, der aber kaum ein literarisches Echo
auslöste. Erst mit Meine Schwester Antigone (1980) gelingt ihr ein gewisser Durchbruch in der
literarischen Öffentlichkeit. In allen ihren Romanen stehen ihre Erfahrungen in der NS-Zeit, in der
holländischen Emigration, ihre Erfahrungen des Überlebens im Untergrund und der von vielen
kritisierten oder angefeindeten Rückkehr ins Land der Mörder im Mittelpunkt ihres Schreibens.
1906 in eine großbürgerliche jüdische Rechtsanwaltsfamilie geboren, verbringt sie eine glückliche
und behütete Kindheit und Jugend in München, unternimmt mit ihrem angebeteten Vater
Klettertourneen und liest mit ihm Goethe und andere Klassiker, studiert in München, Berlin und
Paris Germanistik und schließt Freundschaften mit Erika und Klaus Mann. 1936 heiratet sie den
Dramturgen Edgar Weil, dem sie 1935 ins holländische Exil nachfolgt, wo sie sich zunächst als
Fotografin durchbringt. Als 1941 ihr Mann im KZ Mauthausen ermordet wird, sieht sie keinen Sinn
mehr im Überleben, flüchtet sich aber in eine untergeordnete Beschäftigung beim Jüdischen Rat
Amsterdam, der die fragwürdige Aufgabe hat, Juden für die deutsche Deportation auszuwählen. Als
ihr selbst die Deportation droht, geht sie in den Untergrund und überlebt bei einer holländischen
Freundin. 1947 kehrt sie nach Deutschland zurück und heiratet 1960 den Schauspieler und
Regisseur Walter Jokisch, den sie wie Edgar Weil überlebt. Obwohl sie schon im holländischen
Untergrund zu schreiben beginnt, gelingt ihr der literarische Durchbruch erst 1980.
Im Roman „Der Brautpreis“ (1988) beschreibt sie ihr Verhältnis zum Judentum:
Ich wollte deutsch sein, nicht jüdisch. Saß in der jüdischen Religionsstunde und träumte von
Egmont, dem Prinzen von Homburg, Don Carlos. Wir lernten hebräische Gebete auswendig
herunterzuleiern, ohne Hebräisch zu können.
Vom Judentum erfuhr ich so gut wie nichts, weder zu Hause noch in der Schule. Ein Mensch,
der durch die Augen lebt, kann mit einer Religion nichts anfangen, die das Bild verwirft.
Noch war ich geborgen in meinem Elternhaus. Noch wendete ich nur den Kopf ab, wenn sie
sangen: „Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt.“ Noch sagte ich ohne zu zögern: Bayern, meine
Heimat.
Wußten wir, daß es nicht gutgehen würde? Tief im Unterbewußten die Vergangenheit: Hohn,
Verfolgung, Ausweisung, Mord. Doch kein Auschwitzgestank in der Nase.Das Unausdenkbare
noch nicht gedacht.
Juden pflegen pessimistisch zu sein. Aus Erfahrung, Instinkt. Wir waren pessimistisch. Doch
keine Phantasie reichte aus, um die eigene Vernichtung vorauszuwissen. Damals nicht. Heute
sind wir gewitzter. Alles ist möglich.
Damals: Wachsendes Unbehagen, noch keine Angst. Wir waren Deutsche. Deutsche und Juden.
Es ist Bereicherung, aus zwei Wurzeln zu stammen. Kühler Norden und heißeres Mittelmeer.
Was dabei herauskam, war oft Begabung – für Mathematik, Physik, Musik, für das Schreiben.
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Auch für Medizin und Geldgeschäfte. Begleitet von einer gewissen Arroganz, dem auserwählten
Volk anzugehören. Zu was auserwählt? Zum Leiden doch vor allem.
Glauben, Gottsuche, Frommsein. Das war mir fremd.
(Brautpreis, S. 10)
Es ist die Gespaltenheit vieler jüdischer Überlebender des Holocaust, die erst durch die
Judenverfolgung ihre eigene jüdische Identität erfahren und glauben, durch ihr Überleben an den
jüdischen Leidensgenossen schuldig geworden zu sein. Im Zusammenhang mit der Feststellung der
„Krankheit Auschwitz“ sagt Grete Weil:
Je weiter Auschwitz entfernt ist, desto näher kommt es, die Jahre dazwischen sind weggewischt.
Auschwitz ist Realität, alles andere Traum. Nicht Mauthausen, wo Waiki ermordet wurde und
ich mit ihm, das Entsetzen hat sich vom eigenen Schicksal verlagert auf das der vielen.
Auschwitz ist Chiffre, kein Ort auf der Landkarte. Meine Nerven reagieren auf jede Gewalt,
Menschen, ihre Mörder, eine sadistische Meute beamteter, uniformierter Peiniger. Eltern, die
ihre Kinder quälen, Eheleute, die sich langsam erwürgen, Gemetzel mit Bajonetten, Peitschen,
Elektroden, Wörtern, in Folterkellern und guten Stuben.
(Generationen, S.6 f)
Obwohl Grete Weil bei ihrer Tätigkeit im Jüdischen Rat vielen Juden zur Flucht verholfen hat und
als Schreibkraft geheime Kassiber über den Verbleib Einzelner an deren Angehörige geschmuggelt
und ähnliche Hilfestellungen geleistet hat, leidet sie unter dem Überlebthaben, weil sie weiß, dass
sie zu wenig gegen das Verbrechen getan hat, zu wenig Widerstand aufgebracht hat. Und daraus
ergibt sich für sie die unabweisbare Verpflichtung, aufzuklären über die Geschehnisse in der Nazi-
Zeit, über die Mörder und ihre Opfer. In diesem Geiste stehen alle ihre Texte.
Am deutlichsten tritt dieser Widerspruch zwischen eigener Lethargie und Widerstandswillen in
Meine Schwester Antigone hervor. Antigone ist die mythische altgriechische Gestalt der
Königstochter in Theben, deren Bruder im Kampf um die Herrschaft umkommt und auf Geheiß
ihres Stiefvaters nicht begraben werden darf, sondern den wilden Tieren zum Fraß überlassen wird.
Antigone widersetzt sich diesem Gebot und wird deshalb selbst zum Tod verurteilt. Grete Weil
denkt darüber nach:
Wie stelle ich sie mir vor? An einem Tag glaube ich es zu wissen, am nächsten nicht mehr, bald
ist sie ein Stück von mir und bald in allem mein Gegenpart. Traum durch die Zeit, wie ich mir
wünsche zu sein, wie ich nicht bin. Königstochter in frühen Jahren, Landstreicherin dann,
kompromißlose Widerstandskämpferin, die ihr Leben einsetzt und verliert, Jüngerin, Geliebte
des Dionysos, für die Leben Haß und Tod Liebe bedeutet, die Entschlossene, nicht von ihrem
Gesetz Abweichende.
(Meine Schwester Antigone, S. 10)
Und sie stellt fest:
In den Sessel gekuschelt döse ich vor mich hin, empfinde Wohlbehagen, bin entspannt. Plötzlich
wird die angenehme Lethargie durch die Frage zerstört: Warum hat sie Kreon nicht
umgebracht? Das Ungeheuer, das auf Recht und Ordnung bestand, auf selbsterlassenem Recht
zugunsten des Staates, auf selbstsstatuierter Ordnung, die den reibungslosen Ablauf der
Verwaltung garantiert. Nicht das Recht, das sich Antigone vorstellte, bei dem es um die Belange
des Individuums geht; nicht die von ihr erträumte Ordnung, die das Leben zwischen Menschen
hilfreich regelt. Sie konnte leichter zu ihm kommen als Stauffenberg zu Hitler, es war ihr erlaubt,
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ihn zu umarmen; wie einfach ist es, einen Menschen, den man umarmt, zu ermorden.
Warum habe ich den Hauptsturmführer nicht umgebracht bei der großen Razzia im Juni 43, als
sechstausend auf einmal wegkamen? Ich trug die Armbinde des Jüdischen Rates, konnte mich
frei bewegen, brauchte nur an ihm vorbeizugehen und abdrücken. Den Revolver, den ich nicht
hatte, doch warum hatte ich ihn nicht? […] Warum tut man etwas oder tut es nicht, von dem
man nachher nicht mehr begreift, daß man es getan oder nicht getan hat? […] Warum sage ich
noch heute: wie entsetzlich, furchtbar, nicht zu ertragen? […] Ich gehöre weder zu den
Herrschenden noch zu den Unterdrückten. Doch was fange ich mit der Unabhängigkeit an?
Dem Schlendrian der Gleichgültigkeit verfallen, schließe ich mich der schweigenden Mehrheit
an und verdränge mein besseres Wissen.
(Meine Schwester Antigone, S.52)
Und wieder das Gegenbild:
Antigone ist nicht so. Die Eigensinnige, die Rechthabende. Doch hat sie recht? Schillernd alles,
maßvoll, maßlos. Recht und Unrecht tragisch verschleiert.Von ihrem blumenhaften Wesen wird
gesprochen, von der leidenschaftlich einseitig vorstoßenden Täterin, der Schwesterlichsten der
Seelen, der Bacchantin des Todes, der großen Gestalt des Widerstands. Wie hätte sie an meiner
Stelle gehandelt? Die Integrität bewahrt? Die Mutter beschützt? Beides zugleich war nicht
möglich. Voll Neid denke ich an sie, die einen Toten begraben, nicht einen lebenden retten
mußte. Sie war allein. Alleinsein – ungeheuerste Stärke.
(Meine Schwester Antigone, S.65)
Fragen zu stellen ist Kennzeichen für die Schreibweise Weils: Fragen, die meistens nicht
beantwortet werden, weil sie nicht zu beantworten sind. Sie bekunden die Aussichtlosigkeit der
Lösung von existenziellen Problemen des Individuums wie des Kollektivs. Die Umstände erst
zwingen Grete Weil, über ihre jüdische Identität nachzudenken, sich zu ihr zu bekennen. In dieser
Haltung kann sie sagen:
Ich trage auf meinem Mantel einen gelben Stern. Als Demütigung erdacht, macht er uns stolz;
was die anderen flüstern, dürfen wir laut bekennen: daß wir nicht zu den Mördern gehören. Ich
trage auf meinem Mantel einen gelben Stern. Gehöre zu den Auserwählten, die wir waren seit eh
und je, im Guten wie im Schlechten. Aber ich habe die Sehnsucht, die wir hatten seit eh und je,
zu den vielen zu gehören, den Gewöhnlichen, die keine Mörder sind und keine Opfer.
(Meine Schwester Antigone, S. 108)
Zugleich beschreibt sie schonungslos ihre Schwächen, in der Gegenwart politisch aktiv zu sein:
Sie waren untergetaucht? Fragen die Leute, als ich nach Deutschland zurückkomme. Wie schön,
daß Sie den Krieg heil überstanden haben. Sie freuen sich, daß ich noch am Leben bin. Ein
lebender Jude wiegt in ihrem Gewissen viele tausend tote Juden auf.
Ein Kaufhaus brennt in der Nacht. Das Feuer wird schnell gelöscht. Ein paar junge Menschen,
Kinder aus Bürgerhäusern, erklären, sie hätten gegen den Krieg in Vietnam protestieren wollen.
Den Menschen zeigen, was da geschieht.
Der Anfang des Terrorismus in Deutschland. Verzweiflung über Unmenschlichkeit. Antigone und
Gudrun Enslin auf der gleichen Linie. Der Jungfrauen herrlichste Natur und das Mädchen, das
man als Kriminelle abtut. Wo ist der Unterschied? Nur zeitliche Entfernung? Ich versuche
Partei zu ergreifen für meine Prinzessin. Sie hat nicht gezündelt, nur begraben. Aber das ist
keine Differenzierung, vielleicht hätte G.E., die Pfarrerstochter, auch lieber einen Toten
begraben, wäre es heute opportun, mit der Bestattung einer Leiche zu demonstrieren.
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Moralistinnen waren beide.
Und ich? Ich habe meine Wunden geleckt, ein Leben lang. Mit einem nicht vorhandenen
Revolver gespielt. Nur geträumt vom Feuer. Kein Versuch, mich zu vernichten, kein Versuch, in
der Öffentlichkeit zu demonstrieren. Die Verantwortung für meine Mutter. Die Verantwortung
jedes Juden für alle Juden. Wahrheit und Ausrede. Und was ist jetzt, in unserer
undurchsichtigen, fehlprogrammierten Welt, für die jeder mitverantwortlich ist? Ich sehe alles
sehr klar, habe heute die Ausrede, daß ich zu alt bin, um noch etwas zu tun, und lecke die
Wunden.
(Meine Schwester Antigone, S. 108 f)
Im Roman Generationen (1983) setzt sie sich mit dem großen Verschweigen der Geschehnisse der
Nazizeit bei den Nachfolgegenerationen auseinander:
Wer hat das Wort Bewältigung erfunden für etwas, das nie, unter keinen Umständen zu
bewältigen ist? Holocaust, die unerträglich falsche Bezeichung, die den Gedanken an eine
Naturkatastrophe aufzwingt, einen Blitz, der vom Himmel fährt. Nicht an langsam Gewordenes,
von Menschen ausgeführt, die jahrhundertelang zu Gehorsam, Ordnung, Stillschweigen gedrillt
waren..
Schau sie doch an, deine Holländer, die dir geholfen, dich gerettet haben vor den
Mördern…Hier wird getrauert, die Vergangenheit lebt, nichts muß den Kindern und Enkeln
verschwiegen werden, sie erfahren, wie es gewesen ist, was an Widerstand geleistet wurde in
den Schreckensjahren der Besetzung. Die deutschen Kinder hingegen erfuhren nichts….
Bei den Juden ist es anders, dachte ich. Sie haben nichts zu verbergen, und wie stark ihr Wunsch
ist, über die Verfolgung zu reden, sehe ich ja an mir. Ich bin in Holland, als ein junger Israeli
anfragt, ob er ein Interview mit mir machen könne. Er kommt und sagt: Ich muß Sie
kennenlernen, einen jüdischen Menschen, der die Verfolgung erlebte und den Mut hat, darüber
zu reden. – Den Mut? Das Bedürfnis. Haben andere das nicht? Da bricht die Klage aus ihm, daß
sie schweigen, die in Israel, die in Holland, weil sie sagen: Wir können unseren Kindern die
Wahrheit nicht zumuten, nicht das Ausmaß unserer Entwürdigung. Schuldgefühle, daß sie sich
zu wenig gewehrt, daß sie überlebt haben, werden verdeckt. Nur nicht daran denken. Die
Deutschen sind Teufel. Die Palästinenser sind Teufel. Hitler und Arafat identisch. Wir Juden
sind gut. Die Welt scharf geschieden in schwarz und weiß.
Es stünde besser um Israel, sagt er, wenn sie redeten. Aber sie tun es nicht.[…]
Bei den Deutschen, bei den Juden verwehren die Eltern durch Schweigen den Kindern das
Mitleid. So wird Leben erstickt.
(Generationen, S. 12 f)
Neben die „Krankheit Auschwitz“, die zum zentralen Thema Grete Weils wird, tritt die Erfahrung
des Alterns der alternden Schriftstellerin, die – wie sie sagt – „Assoluta der unheilbaren
Krankheiten: Altsein.“
In Meine Schwester Antigone stellt Weil die entscheidende Frage, ohne sie endgültig zu
beantworten:
Wann ist man wirklich zu alt? Von wann an gehört zu allem, was man tut, das tödliche ’noch‘?
Ach, Sie laufen noch Ski, fahren noch Auto, steigen noch auf Berge, machen noch große Reisen,
können noch ohne Brille lesen, versorgen Ihren Haushalt noch selbst, sind noch belastbar. Sie
können noch denken, noch wie ein normaler Mensch reagieren, sind noch kein psychischer und
physischer Krüppel, glauben noch lieben zu können, wollen noch mitreden, fabelhaft, daß Sie
noch leben wie eine Junge, aber passen Sie auf, morgen oder spätestens übermorgen wird das
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anders sein. Das ist kein memento mori, das ist infam, eine infame Wahrheit, nie versiegende
Quelle meiner Angst.
(Meine Schwester Antigone, S. 157)
In Generationen versucht die alternde Ichsprecherin diese „infame Wahrheit“ aufzulösen, indem sie
sich auf eine Wohngemeinschaft mit Hanna, einer alten, einige Jahre jüngeren Freundin, und mit
Moni, deren jugendliche Geliebte, einlässt, in der Hoffnung, auf diese Weise die Isolation des
Altwerdens zu überwinden. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist, weil beide sich als
Lebenspartnerinnen verweigern und auf Abgrenzungen bestehen:
Mitleid mit Moni. Ihr Bier, würde sie sagen, wenn sie es wüßte. Was geht es mich an, ob Sie
Mitleid mit mir haben. So werde ich abgewiesen. Mein Bier, dein Bier (oder auch nur um ein
klein bißchen besser: mein Problem, dein Problem). Hanna erklärt mir, daß dahinter eine tiefe
psychologische Bedeutung stecke. Wenn jemand wisse, was sein Bier sei und was nur den
anderen angehe, würde das Zusammenleben erleichtert. Mag sein, für mich wird es erschwert.
Die beiden kreisen um sich selbst. Mein Bier, dein Bier, den ganzen Tag, sanktionierte
Hackordnung, Geschwätz, Wörter, die sich aufgemacht haben, einen Inhalt zu suchen.
Oder vestehe ich einfach ihre Sprache nicht? Fremde Laute, die mir nichts sagen. Ist das, was
ich, meine ganze am Ende angekommene Generation mit dem Schlagwort des Kreisens um sich
selbst abtut, nicht vielleicht Neugierde auf sich selbst?
Unsere Hilflosigkeit, unsere Mißverständnisse. Mein Bier, dein Bier kommt in meiner Sprache
nicht vor, und es gibt kein Wörterbuch, in dem ich nachschlagen kann.
(Generationen, S. 94)
Es ist genau diese Hilflosigkeit gegenüber den Abgrenzungen der Jüngeren, die die alte
Ichsprecherin zu der bitteren Erkenntnis bringt:
Ich habe immer vom Alter gesprochen, aber im Tiefsten geglaubt, daß es für mich nicht besteht.
Ein Privileg, immer wieder ein Privileg habe ich gewollt. Eine Extrawurst aus der himmlischen
Küche. Ich war kühn genug, sehr spät noch einmal den Traum zu träumen, in einer Gemeinschaft
leben zu können, gleichgestellt, integriert. Die Nebel haben sich gelichtet. Das brutale Erwachen
– alt und allein.
(Generationen, S. 136f)
Im Brautpreis (1988) schließlich stellt Grete Weil zwei Frauen einander gegenüber, die ca. 3000
Jahre an Lebenszeit trennen: „Ich, Grete“ in der Erzählgegenwart und „Ich, Michal“ in der
frühisraelischen Zeit des König Davids. Michal, Tochter des Königs Saul und Frau Davids, erzählt
sich als alte Wittwe ihr Leben, die gleichfalls alte Grete sieht ihr Leben in dem Michals gespiegelt
und reflektiert ihre Zugehörigkeit zur israelischen-jüdischen Geschichte. Diese Reflektion wird
eröffnet mit der Begegnung von Grete mit zwei gegensätzlichen Kunstwerken:
Ich, Grete, mit den beiden deutschen, den beiden christlichen Namen Margarete Elisabeth,
bekam vom Vater in einem Kunstbuch den David des Michelangelo gezeigt. Liebevoll strich er
über die Seiten und sagte dazu: ‚Il Gigante‘. Das Wort gefiel mir; ich war ein Wörterfetischist,
wenn mich eines anrührte im Klang, war ich ihm verfallen…Dann las ich, daß der ungeheure
Marmorblock, aus dem der junge Bildhauer seine Jünglingsfigur herausgeschlagen hatte, schon
von seinem Vorbesitzer, Agostino di Duccio, ‚il Gigante‘ genannt worden…war. Der Name
verblieb dem Stein, Michelangelo nahm die Herausforderung an und machte den jungen David
daraus, den Schönen, Unbesiegbaren, den Helden, den ich bewunderte in einer Zeit, in der ich
nicht wußte, welch ein Unglück Helden für die Welt bedeuten.
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Meine fünfzehnjährigen Mitschülerinnen kauften sich Fotos des jugendlichen Liebhabers unseres
Staatstheaters, hefteten sie mit Reißnägeln an die Wand…Keine Fotos von Andreas Traxel in
meinem Zimmer. Dafür drei des ‚Gigante‘, vierundzwanzig mal dreißig, schwarz-weiß in mattem
Seidenglanz, die ganze Figur, den Kopf mit den Kräusellippen en face und im Dreiviertelprofil.
Zum Ansehen, zum Lieben. Die Schönheit schlechthin. Ein Tölpel. Ein Bauernsohn.
Entschlossen, mutig. Seine Möglichkeiten wägend, doch zu allem bereit. […]
Zwiesprache in der Dämmerung: du bist noch kein Sieger, aber du wirst bald einer sein. Nur auf
den rechten Augenblick wartest du, um den Goliath, das Finstere, das Böse, zu vernichten. Du
besitzt die Kraft, kennst deine Stärke; aus einem Ast hast du die Schleuder geschnitten und aus
dem Bachbett die Steine geholt. Die Tat ist noch nicht getan. Doch der Traum, der ihr
vorausgeht, ist geträumt. Von dir und von mir.
So blieb es lang. Mein Held veränderte sich nicht, ich veränderte mich. Wurde erwachsen. Ich
brachte David mit nichts Jüdischem in Verbindung. Er war Florentiner und basta.
(Brautpreis, S.7 ff)
Doch diese Einstellung ändert sich, als Grete in Den Haag auf das Davidbild von Rembrandt trifft:
Rembrandts David, der so ganz anders als der meine war und mich anrührte, mehr als mich je
zuvor ein Bild angerührt hatte. Ein kleiner Judenjunge spielt die Harfe vor dem großen,
gewaltigen, turbangeschmückten König Saul, der sich ergriffen halb hinter einem Vorhang
verbirgt und sich die Tränen aus den Augen wischt. David kein Held, ein Dichter und Sänger,
warum hatte ich nie daran gedacht? Ich wurde zur Verräterin an meinem Schönen. Dieser
dunkellockige, eher häßliche Knabe verdrängte den Krieger, er, ein Bruder der vielen aus dem
Judenviertel Amsterdams, die da noch lebten und Juda, Benjamin, Ruben, Abraham oder auch
David hießen, keine Könige waren, sondern Händler, Diamatenschleifer, Talmudschüler,
zuweilen Musiker – und von denen kaum einer überlebte.
Ich kaufte einen großen Farbdruck des Rembrandt-Bildes und heftete ihn daheim neben den
David des Michelangelo. Da waren sie beide beisammen, zwei Pole des Menschseins, und ich
saß davor, den Kopf in die Hände gestützt, unschlüssiger als in Holland, hingerissen wieder von
der Schönheit, doch mit der Ahnung, daß der Kleine, der Häßliche, der Künstler, besser in meine
Welt paßte.
Michelangelo und Rembrandt, beide hatten einen Teil des David gestaltet, wie er überliefert ist
von der Bibel, halb der Geschichte, halb dem Mythos angehörend, vierzig Jahre erst nur über
Juda, dann über ganz Israel herrschend um die Jahrtausendwende vor Christi Geburt, ein
großer Held, ein großer Dichter, später ein großer König.
Ich begann zu zweifeln, den Historikern, den Chronisten zu mißtrauen. Alles konnte David sein:
Heiliger und Verbrecher, Sänger und Mörder, Menschenliebender, Menschenverachtender,
Weiser und Narr. Was war er?
(Brautpreis, S. 11 f)
Die Erinnerungs-Erzählung der Michal beginnt mit der Vergegenwärtigung der Kindheit und
Jugend, in der „alles im Aufbruch“ war, in der die Israeliten aus den nomadischen Zelten in feste
Häuser wechselten und in der sie eine sehr vertraute Liebesbeziehung zu ihrem älteren Bruder
Jonathan genießt, in der aber auch ihr Vater, König Saul wahnsinnig wird und der Hirtenjunge
David geholt wird, der mit seinem Harfenspiel und seinem Gesang den König beruhigen kann:
‚David‘. Zum erstenmal höre ich den Namen dessen, der mein Schicksal werden, den ich lieben,
nach dem ich mich sehnen, den ich verfluchen sollte. Der mich hinderte, die zu werden, die ich
war, eine Rebellin, die sich auflehnt gegen die Religion, gegen den Zwang, alles, was einer an
Untaten vollbringt, mit den Worten zu erklären: Jahwe hat es gewollt. Keiner hat es öfter gesagt
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als David. Leere Worte: Jahwe hat es gewollt. Kriege führen, Menschen umbringen, Menschen
ins Unglück stürzen. Jahwe hat es gewollt. Dieser furchtbare Gott. Warum ließ ich mich
hindern, warum gab ich nach, wenn David mich anschaute? Verführt vom Glanz seiner grauen
schrägstehenden Augen, hingerissen in eine Leidenschaft, gehörte ich nicht mir, sondern ihm,
eine Frau, seine Frau, die sich ihm verweigerte, die ihn begehrte. Diese furchbare Liebe. Er
wußte es, beutete es aus, sagte lachend oder sanft oder auch hart: Jahwe will nicht, daß Frauen
sich in Männersachen einmischen.
(Brautpreis, S. 19)
David tritt zwischen Michal und ihren Bruder Jonathan, der ihn gleichfalls liebt:
Liebe zur Schwester mag halb und halb erlaubt sein. Liebe zu einem anderen Mann ist Sünde.
Ich spüre Haß. Ja, Haß ist das erste, das ich bei dem Namen David empfinde. Ich möchte ihn
töten, erwürgen, ihm die Augen auskratzen, die Jonathan verhext haben. Aber schon kommt ein
anderes Gefühl hinzu: Neugier, die in den Wunsch übergeht, denjenigen, den Jonathan liebt,
auch zu lieben.
Der Bruder legt mir den Arm um die Schulter: ‚Du mußt ihn sehen und hören, Michal, Jahwes
Engel, schöner, erhöhter als je ein Mensch gewesen ist. Vater hat wieder einen Anfall gehabt.
Jetzt spielt David die Harfe. Kom mit.‘
Wir wagen nicht einzutreten in den Thronsaal, bleiben draußen stehen, aneinandergeschmiegt,
und lauschen. Der Harfenton, jubilierend, anders als jemals zuvor vernommen, darüber eine
helle Männerstimme, die summt, die singt, die ohne Worte preist. Sie fordert, sie schenkt, steigt
zum Himmel, kehrt zur Erde zurück, voll Kampfeslust, doch auch voll Frömmigkeit. Ich beginne
zu fliegen, dahinzugleiten durch Zeit und Raum, selbstverloren, selbstgefunden. Meine Ewigkeit.
Der Sturz aus den Wolken. Drinnen wird gesprochen. Jonathan führt mich fort. Saul darf nicht
wissen, daß wir hier gewesen sind.
(Brautpreis, S. 20 f)
Kurze Zeit darauf sieht sie David, als er wieder vor Saul singt:
Da steht er, die Harfe im Arm, zart und geschmeidig, ein Junge eher als ein Mann, in seinem
weißen Hemd mit blauen Fransen am unteren Rand, die blonden Haare fallen ihm auf die
Schulter. Ich stehe auf, jetzt sieht er mich, schaut mich an mit seinen grauen Augen. Ein Lächeln
zuckt um seinen großen Mund, ein freches, begehrendes Lächeln.[…]
Ich weiß jetzt um meine Liebe. Und fange an zu leiden. Träume, daß ich in seinen Armen liege.
Kinderphantasien, weit von der Wirklichkeit entfernt. Nur erste Ahnung körperlichen Glücks.
Und meine Liebe zu Jonathan? Ich verstehe mich nicht mehr.
(Brautpreis, S. 22 f)
Jonathan vermittelt die erste Liebesnacht zwischen den beiden. Aber es bleibt die einzige. Als er sie
ein zweites Mal zusammenbringen will, muss David mit Sauls Kriegern gegen die eingefallenen
Philister in den Krieg ziehen. Die zurückbleibende Michal reflektiert:
Ich hatte ein ganzes Leben Zeit, darüber nachzudenken, ob David mich am Anfang liebte. Ob
die Königstochter nicht nur eine Sprosse der Leiter für ihn war, auf der er aufstieg.
Wahrscheinlich auch das. Doch liebte er mich in jener Nacht, dessen bin ich gewiß.
(Brautpreis, S. 25)
Wie Grete vor den Davidbildern Michelangelos und Rembrandts nicht weiß, ob er Heiliger oder
Verbrecher, Sänger oder Mörder, Weiser oder Narr war, so muss Michal den Lebenslauf Davids
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durch all diese Stadien verfolgen und bleibt zwischen Liebe und Hass hin und her gerissen.
Nachdem David den Philister, den Riesen Goliath mit der Schleuder getötet hat, erhält er Michal zur
Frau – um den Brautpreis von 100 Philister-Vorhäuten, den er stolz auf 200 erhöht. Das wird zum
ersten Auseinanderfallen der jungen Eheleute, weil Michal es nicht ertragen kann, mit dem
Philistermörder zu schlafen. David fällt bei Saul in Ungnade und muss fliehen, wobei ihm Michal
hilft.
Ich, Grete, reflektiert das Fluchtgeschehen:
Fliehen müssen, fort von zu Hause, von allem, was vertraut und gewohnt ist.
Auch ich, Grete, die Spätgeborene, mußte fliehen, fort von Deutschland, doch wir flohen nicht
weit genug, nur nach Holland, und dort holten uns unsere Feinde ein. Sie verhafteten Waiki,
den Geliebten, brachten ihn fort, ins KZ Mauthausen, wo sie ihn ermordeten.
Das ist lange, sehr lange her. Eine junge Frau hat die Verfolgung erlebt, eine alte Frau schreibt
dies nieder. Mein Mann wurde ermordet, Michals Mann kam um Haaresbreite davon.
Dreitausend Jahre liegen dazwischen. Eine lange Zeit zur Einsicht, doch geändert hat sich
nicht viel.
Ich wußte jetzt, daß ich Jüdin war. Nur Jüdin. Tag und Nacht, Nacht und Tag. Eine zu
Vernichtende, damit beschäftigt, zu überleben. Überleben: die einzige Form des Widerstandes,
die mir geblieben war.
Jüdin als Zustand. Ich hatte vier jüdische Großeltern, das zählte. Meine Sprache und meine
Kultur waren deutsch, das zählte nicht. Religion hatte für mich nie eine Rolle gespielt.
Urheimat war Griechenland und sein Mythos. Zeus und Apollon wichtiger als Jahwe. Die
Rebellin Antigone ein mich durch die Zeiten begleitender Schatten.
Neben ihr wurde David unwichtig.
Lebenswillen und Todessehnsucht. Depression und aufflammende Hoffnung.
Doch von Tag zu Tag stärker der Wunsch: ich möchte nach Deutschland zurück.
Meine Pläne verschwieg ich. Rings um mich war Haß. Haß, den ich verstehen, den ich nicht
teilen konnte. Vielleicht war mein Nichthassen jüdisch (wenn es so etwas überhaupt gibt).
Juden bewahren Leben, vernichten keines. So dachte ich im letzten Winter des Krieges.
(Brautpreis, S. 50 f)
Jahrelang treibt sich David als Räuberhauptmann in der Gegend herum, heiratet die Witwe Abigail
und gewinnt schließlich die Königsherrschaft über den Volksstamm Juda. Michal bleibt in das
Schicksal der jüdischen Frau eingebunden: in der Männerwelt hat sie zu schweigen, sich dem Mann
unterzuordnen, sie ist Verfügungsobjekt des Mannes:
Eine verlassene Frau ohne Kind, ohne Scheidungsbrief, das armseligste Geschöpf der Welt. Die
Langeweile dieser Monate, ich glaubte, sie würde dauern mein Leben lang. Lebendig
eingemauert kam ich mir vor.“
(Brautpreis, S. 82)
Doch ihr Vater bestimmt sie aus Rache an David dem Schafhirten Palthi zur Frau, mit dem sie zu
einem relativ befriedigenden Leben kommt, da er sie als Frau Davids achtet und keine körperliche
Liebe von ihr erwartet. Als Saul und Jonathan im Krieg getötet werden, trauert sie um den geliebten
Bruder wie auch David in der Ferne um ihn trauert. In den folgenden Kriegswirren wird sie mit
Palthi zum Umzug gewungen. Schließlich erhält sie den Befehl, zu David zurückzukehren, der sich
mit seinen Gegnern auf einen Waffenstillstand geeinigt hat. Für Augenblicke ist die
Wiederbegegnung mit David beglückend, er singt vor Michal zur Harfe und nimmt sie in die Arme.
Sie lernt seine Frauen kennen und freundet sich auf Anhieb mit Abigail an. Mit Maacha, der Mutter
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Absaloms, wird sie nicht recht warm, aber der Sohn, den sie spontan lieb gewinnt, nimmt sie
sogleich als „kleine Mutter“ an. Sie erhält eigene Räume im kleinen Palast, die Besuche Davids dort
werden immer seltener bis sie nach Yerushalayim umziehen, in die neue Hauptstadt Israels. David
gelingt es, einen dauerhaften Frieden für Israel zu schaffen. Er führt die Bundeslade, eine reich
geschmückte Holztruhe, in der Jahwe wohnen soll, unter großen festlichen Zeremonien nach
Jerusalem. Michal beobachtet ihn aus ihrem Fenster, wie er, der gestandene Mann, wie ein Junger
vor der Lade einhertanzt und seinen kurzen Schurz auffliegen lässt, sodass die gaffenden Mägde ihn
auslachen:
Ich spürte, wie zwischen David und mir etwas zerbrach.
Abends liege ich auf meinem Bett und weine. Weine um David, um mich, um meine Liebe,
meine vertane Jugend. Durch das Gitterwerk des Fensters dringt noch immer der Lärm des
Festes. Dieser Tag, an dem David erhöht und ich erniedrigt wurde, ist ein Wendepunkt.
(Brautpreis, S. 134)
Auch Grete, „die Spätgeborene in einer späten, zugrundegehenden Welt“, spürt ihr Altwerden, muss
durch eine bedrohliche Krankheit hindurch gehen, denkt darüber nach, warum sie krank geworden
ist:
War es mein stets vorhandenes Schuldgefühl, daß ich überlebte? War es, weil ich die
Schmerzen der Verfolgung und die Trauer um Waiki zum Thema meines Schreibens gemacht
habe? Mein Wissen um Auschwitz und daß ich dieses Wissen dauernd mit mir herumschleppe?
Habe ich mich zu weit von meinen Wurzeln entfernt?
Nehmen es mir meine Figuren übel, daß ich, die so wenig über die Bibel weiß, es unternahm,
über sie zu schreiben?
War es ganz einfach so, daß meine Blutgefäße alt sind und in einem bestimmten Augenblick auf
einer kurzen Bergwanderung zuwenig Sauerstoff zum Herzen transportierten?
Warum also? Weshalb?
Wird der Tag kommen, und wenn er kommt, wann, an dem ich sagen kann: die Krankheit liegt
hinter mir?
(Brautpreis, S. 79)
Aber schon dieser Gedanke ist Illusion. Sie erkennt:
Will ich noch reisen? Ich weiß es nicht. Manchmal heftige Sehnsucht nach dem Mittelmeer, aber
auch Angst vor der Anstrengung, vor der veränderten Umgebung. Dazu die Erkenntnis: Ich
kann nirgends mehr sein, wo es nicht ein für Europäer erträgliches Krankenhaus gibt.
Neue Erfahrung: das Alter, die Krankheit. Was überwiegt? Ich bin geneigt zu sagen: die
Krankheit. Sie hat mich plötzlich, von einer Stunde zur anderen, unfähig für sehr vieles
gemacht.
Sehr viele Gedanken (sehr viel mehr als früher) an den omnipräsenten Tod.
(Brautpreis, S. 141)
Und sie beschäftigt sich intensiver mit ihre jüdischen Identität:
Ich weiß es nicht. Doch hab ich […] viel darüber nachgedacht und meine, zur jüdischen
Identität wäre der Glaube nötig, der Glaube an Jahwe, den von den Juden erfundenen und an
zwei Weltreligionen weitergegebenen Gott. Sodann die Verbundenheit mit dem Land Israel, ein
Heimatgefühl für Erez Israel, dem Land der Väter. Weder das eine noch das andere ist bei mir
vorhanden, war nie vorhanden, so meine ich, daß ich auch niemals eine jüdische Identität
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hatte. Übrig bleibt, daß ich als Jüdin erfahren habe, was Leiden bedeutet.
Also wohl das einzige Rudiment einer Identität die Leidens- und Schicksalsgemeinschaft….
Bin ich jüdischer geworden, seitdem ich mich mit David und Michal beschäftige? Ja sicher,
irgend etwas hat angefangen, das vorher nicht da war.
Ein neues Thema in meinem Leben, ein neuer, mir bisher nicht bekannter Stoff. Warum aber
beschäftige ich mich mit David?
Die jüdische Wurzel, natürlich. Auch.
Daß er unter vielem anderen ein Mörder war, ist sicher. Auch, daß er Charisma besaß, sonst
hätte er es kaum vom Hirten zum König gebracht. Ähnelte er dem David des Michelangelo,
oder dem des Rembrandt oder keinem von beiden? […]
Und Michal, meine Heldin? Was ist mit ihr? Niemand beschäftigt sich so intensiv mit einem
Menschen, ohne ihn schließlich liebzugewinnen.
Nie war sie mir, wie Antigone,eine bewunderte und wegen ihres Mutes beneidete Schwester.
Keine tiefe Verwandtschaft zwischen mir und dieser herumgestoßenenen, von den Männern oft
mißbrauchten Frau. Nur Sympathie und Mitleid, daß sie leben mußte am Anfang der Zeiten, als
alles noch im Fluß war; in dem Chaos, in dem es kaum Recht, kaum Unrecht gab, mußte sie
sich entscheiden, Partei ergreifen und das schwierige, von allen Seiten bedrohte Leben
bestehen.
Sie und ich, verbunden durch die Zugehörigkeit zu einem Volk, das gar kein Volk ist, aber
immer eines hat sein wollen: zwei jüdische Frauen.
Sie, Michal, war das Gefäß, in das ich meine Gedanken, meine Wünsche und das, was mir
vernünftig erschien, füllen konnte, und sie war mir ein gutes Gefäß. Dafür sei sie bedankt über
die Zeiten hin.
(Brautpreis S.168 f)
Noch einmal muss Michal fliehen. Zusammen mit David und seinem ganzen Gefolge. Vor Absalom,
der sich in Hebron zum neuen König von Israel ausrufen ließ und mit einem mächtigen Heer gegen
Jerusalem zieht. Sie weiß, dass sie David auf diesem Weg nicht verlassen darf. Und wieder scheint
Jahwe auf der Seite Davids zu stehen, Boten berichten, dass Absaloms Heer geschlagen und
zerstreut wurde. Aber sie berichten auch, dass Absalom selbst dabei von Davids getreusten
Feldherrn Joab umgebracht wurde. David erhebt daraufhin einen großen Trauergesang, Michal stellt
fest:
Weit durch die Zeiten wird diese Klage die Herzen der Menschen anrühren.
(Brautpreis, S. 216)
Wieder ist Michal zurück in ihrem Haus in Jerusalem, als ihre Zofe meldet, dass der alte David sie
sehen möchte. Noch einmal umarmen sie sich, noch einmal spielt der Greis auf der Harfe, singen
kann er nicht mehr mit seinem zahnlosen, eingefallenen Mund. Noch einmal küssen sich die beiden
Alten, liegen eng beieinander, „versuchen, das gutzumachen, was sie versäumt hatten.“
(Brautpreis, S. 234) David stirbt und sein Sohn Salomon besteigt den Thron. Er baut den
prunkvollen Palast, in dem die alte Michal leben muss, in ständiger Angst vor der Rachsucht der
letzten Frau Davids, Bathseba.
Die Autorin beschließt das Buch mit der Feststellung der Roman-Grete:
Die Frage, wie David wirklich war, mit der ich dieses Geschichte begann, bleibt ohne Antwort.
Im Dunkel der Geschichte verschwindet seine Gestalt.
Wahrscheinlich ähnelte er weder dem von Michelangelo noch dem von Rembrandt.
Ich finde Michelangelos David immer noch schön… Rembrandts Judenjunge steht mir näher,
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ihn, dem zu leiden vorbestimmt scheint, der Auschwitz nicht überlebt hätte, möchte ich an mein
mit Trauer erfülltes Herz drücken.
Der echte David, mein Ahne, mir fremd, mir nahe.
Er und Michal haben nicht gewußt, welches Schicksal ihrem, unserem Volk bevorstand. Darum
beneide ich sie. Ich, die Spätgeborene, muß mit dem Wissen um Auschwitz mein Leben zu Ende
bringen, es wird mich quälen bis zum letzten Atemzug.
Wie Michals Leben ist auch mein Leben zu Ende. Es wird nicht mehr viel geschehen, außer dem
einen, über das ich, die so gern über alles berichtet hat, nicht mehr berichten kann: der eigene
Tod.“
(Brautpreis, S. 236f)
Grete Weil stirbt fast 93jährig am 14. Mai 1999 in ihrem letzen Wohnort Grünwald bei München.
Verwendete Literatur:
Grete Weil: Tramhalte Beethovenstraat. Frankfurt/M., Fischer-TB 1983
Grete Weil: Meine Schwester Antigone. Frankfurt/M., Fischer-TB 1982
Grete Weil: Generationen. Frankfurt/M., Fischer-TB 1985
Grete Weil: Der Brautpreis. Zürich, Nagel Kimche1988

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

 

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

(27. Januar: deutscher Gedenktag, Gedenktag der Vereinten Nationen (UN)

Erinnerung an eine jüdische Autorin

Zum Gedenktag erinnert das Zentrum für Friedenskultur Siegen an die jüdische Autorin Grete Weil (1906 – 1999).

Unter der Überschrift „Meine Krankheit heißt Auschwitz“ werden Leben und Werk der Schriftstellerin Grete Weil in dem Buch „Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung. Jüdische Autorinnen und Autoren in der neueren deutschen Literatur“ vorgestellt. Herausgeber des 2013 im LIT-Verlag Münster erschienenen Buches sind Bernhard Nolz und Wolfgang Popp. Es ist Band 5 der Reihe „Friedenskultur in Europa“. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.

Bernhard Nolz: „Die 18 im Buch vorgestellten jüdischen Autorinnen und Autoren sind Zeitzeugen des Holocaust. Ihre literarische Zeugenschaft besteht ewig.“

Meine Krankheit heißt Auschwitz, mit der ich leben muss und sterben werde“, sagt Grete Weil immer wieder.

Wie kein anderes Werk der Nachkriegsliteratur thematisieren die Romane Grete Weils das Nachleben des Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Gesellschaft als Kondition eines schwierigen Weiterlebens jüdischer Überlebender nach 1945 in West-Deutschland. In einem assimilierten wohlhabenden bürgerlichen Elternhaus in München aufgewachsen, verbringt sie die NS-Zeit in Holland, zuletzt im Untergrund.

In ihrem bedeutendsten Roman „Der Brautpreis“ arbeitet sie in der Konfrontation mit der biblischen Frau Michal des israelischen König Davids ihre eigenen jüdischen Wurzeln auf.

Der 2017 verstorbene Prof. Wolfgang Popp hatte im März 2013 einen Vortrag über Grete Weil gehalten. Seine Ausführungen begann er mit folgenden Sätzen: „Wir haben die Veranstaltungsreihe „Jüdische Autorinnen und Autoren“ bewusst für das 1. Halbjahr des Jahres 2013 konzipiert. Mit der Machtübergabe an Hitler vor 80 Jahren am 30. Januar 1933 begann der Leidensweg der deutschen und europäischen Juden. Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit dem Thema, wie jüdische Autorinnen und Autoren ihre Erfahrungen in der Nazi-Diktatur und im neuen Deutschland nach 1945 verarbeitet haben. Grete Weil hat darüber faszinierende Texte geschrieben. Deshalb freue ich mich darauf, sie am 3. März vorzustellen.“

Den Buchtext von Wolfgang Popp über Grete Weil findet man auf der Internetseite: www.friedenspaedagogen.de