Schwulenfeindlichkeit im Alter

 

Wolfgang Popp

Schwulenfeindlichkeit im Alter

Da hat man ein halbes Leben lang für die Gleichstellung von schwulen Männern und lesbischen Frauen und von Menschen mit anderer Sexualität in unserer Gesellschaft gekämpft und glaubt wenigstens ein Stück an sexueller Freiheit und Selbstbestimmung erreicht zu haben, – und muss im Jahr 2016 erleben, dass Tausende auf die Straße gehen, um dagegen zu protestieren. Über 16.000 Menschen unterstützen eine Petition, in der sie es ablehnen, dass im Sexualkundeunterricht der Schulen auch über Homo- und Transsexualität aufgeklärt und gesprochen wird. Das untergrabe „in untragbarer Weise das grundgesetzlich garantierte Erziehungsrecht der Eltern und leistet der Verunsicherung und Indoktrination unserer Kinder Vorschub.“

Wieso eigentlich? Die Schulgesetze aller Bundesländer schreiben doch verbindlich vor, dass bei Entscheidungen über bestimmte Inhalte des Sexualkundeunterrichts an einer Schule die Eltern zu beteiligen sind, über Notwendigkeit, Sinn und Herangehensweise aufgeklärt und ihre möglichen Einwände berücksichtigt werden sollen. Und wieso leistet die Thematisierung von Homo- und Transsexualität der „Verunsicherung und Indoktrinierung“ der Kinder Vorschub? Homosexuelle oder transsexuelle Kinder wissen schon früh, vor jeder sexuellen Praxis, im Unterbewusstsein von ihrer sexuellen Ausprägung und werden verunsichert, wenn sie nicht erfahren, was dies bedeutet oder dass es gar verachtet wird. Und sie fühlen sich indoktriniert durch eine Erziehung, sei es durch ihre Eltern oder die Schule, die ihnen Wissen darüber verwehrt.

Und wer sind überhaupt „unsere Kinder“? Unser Besitz, Eigentum? Gehört es zum „Erziehungsrecht“ von Eltern, zu entscheiden, in welche Richtung sich ihr Kind sexuell entwickelt? Wie sollen sie sich nach Meinung der Eiferer verhalten, wenn sich heraus stellt, dass ihr Kind homosexuell oder transsexuell ist? Was ist mit Kindern schwuler oder lesbischer Eltern? Wenn sie sich als heterosexuell entwickeln, was immer noch das Wahrscheinlichste ist, oder als schwul oder lesbisch oder transsexuell? Sind das alles „unsere Kinder“, für die „wir“ das Elternrecht in Anspruch nehmen dürfen? Und was ist überhaupt mit den Rechten des Kindes, zu denen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gehört? Alles Fragen, die die Eiferer für das Erziehungsrecht der Eltern über den Haufen werfen. Sie gehen auf die Straße mit dumpfen Parolen wie „Ehe bleibt Ehe! Stoppt die Gender-Agenda und die Sexualisierung unserer Kinder!“ (Stuttgart 2015) oder „Stoppt Gender und Sexualpädagogik der ‘Vielfalt’ in Bayerns Schulen!“ (München 2016) und wollen die mühsam genug erkämpften Fortschritte in der bundesdeutschen Gesetzgebung und Rechtsprechung rückgängig machen.

Ich weiß nicht, ob die Homo-Ehe ein erstrebenswertes Ziel des Kampfes um Gleichstellung ist. Für mich hat sie einen zu bitteren Geruch von patriarchalisch-christlicher Macho-Gesellschaft, in der das Machtdenken der Männer sich immer noch und immer wieder durchsetzt. Mir würde eigentlich eine Partnerschaft, ob „eingetragen“ oder nicht, genügen, wenn die Partner alle bürgerlichen Rechte hätten wie jeder Mann und jede Frau, auch ein richtig verstandenes Erziehungsrecht. Und ich bin sicher, dass es unserer Gesellschaft gut täte, wenn mehr sensible Schwule und Lesben ihren Kinderwunsch realisieren könnten, sei es als Paar oder als Alleinerziehende, sei es mit eigenen Kindern oder mit adoptierten. Sie würden vielleicht mit mehr Achtung vor den Rechten und der Entwicklung ihrer Kinder das Erziehungsrecht wahrnehmen, als diejenigen, die jetzt „unsere“ Kinder davor schützen wollen, in einem verantwortungsvollem schulischen Sexualkundeunterricht ihrem Alter angemessen über das Phänomen der menschlichen Sexualität und ihrer verschiedenen Ausprägungen aufgeklärt zu werden und unbefangen auch untereinander darüber sprechen zu können.

Schon in der Grundschule sind „schwul“ und „lesbisch“ weit verbreitete Schimpf- oder Spottwörter, selbst wenn die, die sie benutzen, noch gar keine Ahnung von ihrer Bedeutung haben. Aber sie wissen im frühen Alter, dass man mit diesen Wörtern andere schlecht machen, beleidigen und kränken kann, sie lernen schon früh, andere zu verachten und werden das in der Jugend und im Erwachsenenleben fortsetzen. Neuere Studien weisen nach, dass Schwulenfeindlichkeit trotz aller Gleichstellung und offizieller Toleranz noch immer in unserer Gesellschaft fest verankert und alltäglich ist. So stellte die Deutsche Aidshilfe kürzlich in einer Umfrage unter Schwulen fest, dass 15% der Befragten angaben, im letzten Jahr vor der Befragung verbale oder körperliche Gewalt erfahren zu haben, bei den 16- bis 19-Jähigen waren es sogar erschreckende 37%. Die heute Kinder vor Sexualisierung schützen wollen, indem sie sie dumm halten, züchten genau diese Gewalt, und das nachhaltig.

Die Demo in München wurde kurzfristig abgesagt, angeblich wegen der kürzlichen Attentate. Tatsächlich aber hatte sich bayernweit ein breites Bündnis gebildet, das unter dem Motto „Vielfalt statt Einfalt“ zum Widerstand aufrief. Das kann uns ermutigen und wir sollten uns mit diesem Widerstand solidarisieren. Aber machen wir uns nichts vor: sie werden weiter machen, wenn wir uns nicht wehren. Unser Kampf gegen gegen Rückständigkeit und Borniertheit, für eine friedliche, humane, gerechte und kinderfreundliche Gesellschaft muss weiter gehen.

So skeptisch ich diese Entwicklungen aus der Perspektive meines Alters sehe, so zufrieden und ausgeglichen bin ich in meiner eigenen Beziehung mit meinem alten Partner. Wir haben manche verdeckte und offene Schwulenfeindlichkeit gemeinsam durchgestanden und uns unser eigenes Leben und unsere eigene beschränkte Freiheit erkämpft. Und wir haben nicht nur für uns gekämpft, sondern uns auch als Lehrer dafür eingesetzt, dass homosexuelle und transsexuelle Kinder und Jugendliche sich frei von Diskriminierung und Anfeindung entwickeln konnten. Und wir haben uns unser Leben lang in sozialen und friedensbewegten Aktivitäten engagiert. Erst das gibt mir ein wenig Hoffnung, dass eine wahrhafte Einbindung von Schwulen. Lesben, von Menschen mit anderen Sexualitäten und vor allem von Kindern in eine humane Mehrheitsgesellschaft möglich ist.