Kinder-Feuerwehr wenn die Erwachsenen brennen

Bernhard Nolz
Kinder-Feuerwehr wenn die Erwachsenen brennen

Ein brandaktuelles Gespräch

Feuerwehrmann: Unser Ziel ist es, das Ehrenamt in der Feuerwehr auf lange Sicht zu stärken.
Pädagoge: Muss man dazu Kinder einsetzen?
F: Kinder sollen künftig schon ab sechs Jahren in die Feuerwehr eintreten dürfen.
P: Was haben Kinder bei den gefährlichen Einsätzen der Feuerwehr zu suchen?
F: Mit zehn Jahren sind Kinder meistens schon in anderen Vereinen aktiv.
P: Ist doch gut so. Erst Volljährige können bei der Feuerwehr aktiv werden.
F: 6-jährige Feuerwehr-Kinder sollen bevorzugt werden, wenn sie sich 10 oder 15 Jahre später um einen Ausbildungsplatz oder einen Arbeitsplatz im kommunalen Dienst bewerben.
P: Eine derartige Bevorzugung verstößt gegen das Grundgesetz.
F: Wie sollen wir denn sonst an die Kinder als zukünftige Feuerwehrleute herankommen?
P: Gar nicht. Kinder sind Kinder! Jetzt frage ich mal.
P: Warum wollt ihr 6-jährige Kinder in einer Organisation haben, in der sie 12 Jahre lang nicht das tun dürfen, was die Feuerwehr zu tun hat?
F: Früh übt sich, was ein guter Feuerwehrmann werden will.
P: Welches Kind hat schon Lust, zwölf Jahre lang mit Wasserschläuchen zu spielen?
F: Die Schläuche müssen auch regelmäßig gepflegt werden.
P: Kinderarbeit?
F: Man lernt auch viel vom Zugucken.
P: Wie sollen die Kinder dabei Fantasie entwickeln?
F: Viele haben als Kind die Fantasie, Feuerwehrmann werden zu wollen. Die Fantasie wollen wir solange konservieren, bis sie dann mit 18 voll zum Einsatz kommen.
P: Werden die Kinder nicht um ihre Kindheit betrogen, wenn sie immer nur so tun als ob?
F: Fußballvereine nehmen doch auch Kinder auf. Da hat keiner was dagegen: Warum sollen wir nicht das Gleiche tun?
P: Das will ich dir sagen: Im Fußballsport können doch die Kinder schon wie die Erwachsenen aktiv in Mannschaften spielen. Sie müssen nicht warten, wie bei der Feuerwehr, bis sie 18 sind, um richtig dabei sein zu dürfen. Sie können jederzeit aus dem Fußballverein wieder austreten und werden nicht ständig an ihre vermeintliche Verantwortung erinnert, die sie als Feuerwehrkind zu tragen hätten. Diese Art der Verpflichtung grenzt an Missbrauch.

Brennende Fragen eines Pädagogen

Jetzt mal einige Fragen an die Landespolitiker_innen, die sich über die Urheberschaft der Idee auch noch streiten, schon Sechsjährige als Feuerwehrkinder heranziehen zu wollen.
1) Gibt es in der Grundschule (Einschulungsalter sechs) keinen Sachunterricht mehr, in dem die Kinder etwas über die Feuerwehr und über andere kommunale Einrichtungen der Daseinsvorsorge lernen?
2) Gibt es keine Grundschulexkursionen zu wichtigen kommunalen Einrichtungen wie der Feuerwehr mehr?
3) Gibt es keine Tage der offenen Tür bei der Feuerwehr mehr, wo auch die Kinder einbezogen sind und die Feuerwehrwelt kindgemäß „erobern“ können?
4) Gibt es keine ungezwungenen Elterngespräche von Feuerwehrleuten mit ihren Kindern mehr, wovon die Kinder in der Schule erzählen können?
5) Gibt es keine familienfreundlichen Zusammenkünfte, Familienfeste oder Grillfeste der Feuerwehr-Kameradschaften mehr, an denen die Kinder der Feuerwehrleute und auch andere Kinder kindgemäß teilnehmen können und etwas über das Feuerwehrehrenamt erfahren?
Die bisherige Diskussion in der Landespolitik lässt befürchten, dass mal wieder ein fauler Kompromiss gefunden wird. Was die Kinder-Feuerwehr betrifft könnte er darauf hinauslaufen, dass man zwar die Feuerwehr für sechsjährige Kinder frei gibt, die Kommunen aber verpflichtet werden, vor jeder Feuerwache ein Kinderkarussell aufzustellen. Kindlicher Spaß und der Ernst des Lebens gehen so eine dauernde Verbindung ein! Der Schaustellerverband wird sich freuen, auch wenn der Fahrzeugbestand des Kinderkarussells auf Feuerwehrfahrzeuge, Krankenwagen, Kranwagen und Bergepanzern beschränkt ist. Wird alles darauf hinauslaufen?

Pädagogische Brandstellen

Kinder-Feuerwehren – auch Jugend-Feuerwehren – sind nichts Anderes als Placebos, Scheineinrichtungen, die Kinder und Jugendliche zum Narren halten. Zum Narren halten, weil Kinder und Jugendliche gar nicht an den eigentlichen Aufgaben der Feuerwehr, den Einsätzen, teilnehmen dürfen. Schlauchpflegedienste und Erste Hilfe Kenntnisse geben einer Kinder-Feuerwehr keinen Sinn.
Wenn Kinder – notwendigerweise – gar keine Verantwortung in der freiwilligen Feuerwehr tragen dürfen, können sie auch keine Verantwortung lernen. Dann ist es aus pädagogischer Perspektive wenig sinnvoll, dass sie sich bei der Feuerwehr aufhalten. Die kindliche Begeisterung darf nicht den eigennützigen Zielen der Erwachsenen ausgesetzt und durch gezielte Werbemaßnahmen fehlgeleitet werden.
Die Befürworter einer Kinder-Feuerwehr lassen auch völlig unberücksichtigt, dass die Kinder mit sechs Jahren Suchende und Ausprobierende sind. Die augenblickliche Begeisterung für bestimmte Tätigkeiten und Beschäftigungen, Hobbys und Idole wandeln sich, bis sie langsam in konstantere Aktivitäts-, Beteiligungs- und Entscheidungsformen übergehen – oder auch nicht.
Der angemessene Ausdruck dieser unbestimmten kindlichen Suche ist z.B. der Wunsch, den Beruf des Feuerwehrmannes ergreifen zu wollen. Den kindlichen Abenteuern und Fantasien sind keine Grenzen gesetzt; den Methoden der Nachwuchsgewinnung schon.
Es wäre ein pädagogisches Missverständnis, wenn die erwachsenen Befürworter_innen einer Kinder-Feuerwehr an solchen kindlichen Traumvorstellungen anknüpfen wollten. Langfristige Verantwortung in der Feuerwehr kann man nur als Erwachsener übernehmen.
Andererseits führt auch die Einsicht in die Notwendigkeit und den Sinn von Freiwilligen und Berufs-Feuerwehren nicht zwangsläufig zum Eintritt in die Feuerwehr, die zudem nicht so organisiert ist, wie es uns in Fernsehserien vorgegaukelt wird.

Sollen die Kinder brennen?

Melden sich bald auch andere Vereine mit Nachwuchssorgen zu Wort?
Halten Schützenvereine US-amerikanische Verhältnisse für nachahmenswert, wo Sechsjährige ihre Wunschwaffen auf dem Gabentisch finden? Oder gibt es schon deutsche Kinder-Schützen-Gruppen?
Auch bei der Kinder-Polizei könnte rechtzeitig eingeübt werden, wie Kinder-Polizist_innen den Schlagstock handhaben und Pfefferspray z.B. bei schulischen Konflikten zum Einsatz bringen können.
Das Kinder-THW könnte Jungen und Mädchen auf technische Hilfseinsätze vorbereiten und für die Technik begeistern, weil nicht alle Tierpfleger/in werden können.
Die Bundeswehr rekrutiert, solange es sie gibt, 17-jährige Kinder für den Kriegseinsatz und verstößt damit gegen die UN-Kinderrechtskonvention. Sollen jetzt auch Kinder-Bataillone aufgestellt werden, in denen die 6-Jährigen schon mal den Ernstfall üben können? Es gab auch Kinder-Kreuzzüge!

Löscharbeiten

Die Schule soll ihren Bildungsauftrag wahrnehmen und den Schüler_innen zu vermitteln, dass die erwachsenen Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren wichtige gesellschaftliche Aufgaben für das Gemeinwesen übernehmen.
Wenn der freiwillige Feuerwehr-Nachwuchs ausbleibt, kann die Berufsfeuerwehr die Lücken schließen, indem dort attraktive Ausbildungs- und Arbeitsplätze angeboten werden. In Verbindung mit einer Neustrukturierung von Katastrophen- und Naturschutz als zivile Arbeitsbereiche der Daseinsvorsorge könnte eine Vielzahl von Arbeitsplätzen in den Berufsfeuerwehren entstehen.

„Die Erziehung zum Frieden und zur Verantwortung fängt im Mutterbauch an“, sagt ein befreundeter Erziehungswissenschaftler.

Bernhard Nolz ist Lehrer i.R., Aachener Friedenspreisträger und Träger des Preises für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung, Sprecher der Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF), Geschäftsführer des Zentrums für Friedenskultur (ZFK) Siegen
Kölner Str. 11, 57072 Siegen
0271-20596 / 0171-8993637
nolzpopp@web.de
www.friedenspaedagoegen.de

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